Duftklassiker aus 99 Jahren – „Femme“ (2)


„Diese Frau war nicht parfümiert, sie duftete nach Aprikosen“, meinte der Romanheld John in „The Scapegoat“ über seine Geliebte, die schöne Antiquitätenhändlerin Béla.
Möglicherweise irrte er sich, und der Aprikosenduft hatte durchaus mit Femme zu tun.
Denn darin kommt ein Duftbaustein vor, der an Pfirsiche und Pflaumen erinnert. Es handelt sich „Aldehyd C14“ (chemisch gesehen kein Aldehyd, sondern ein Laktat), das 1916 zum ersten Mal bei dem Duft Mitsouko von Guerlain eingesetzt wurde.
Abgesehen davon ist die Geschichte von Femme fast ebenso spannend wie der Roman.
Es war der erste Damenduft, der nach dem 2. Weltkrieg als Neuschöpfung auf den Markt kam, und zwar auf folgende Weise:
Der Modemacher Marcel Rochas und seine Frau Hélène hatten ihr Couture-Haus leidlich durch den Krieg manövriert und trafen im Spätsommer 1944 mit einem Winzer namens Albert Gosset zusammen, der ihnen ein Geschäft vorschlug. Gosset hatte von Edmond Roudnitska die Formel für ein Parfüm erworben. Ihm war jedoch klar, dass er den Namen eines bekannten Designers brauchte, um den Duft zu vermarkten. Er klopfte bei Piquet, Balenciaga und Rochas an, und letzerer griff beherzt zu, weil der Duft seine Gattin auf Anhieb begeisterte. Gosset und Rochas gründeten eine Gesellschaft, errichteten vor den Toren von Paris eine Fabrik mit Laboratiorium und begannen mit der Herstellung. Kein leichtes Unterfangen, denn es war 1944 eine Mammutaufgabe, die über 100 Ingredienzen für Femme zu beschaffen. Zunächst konnte nur eine limitierte Auflage hergestellt werden, die exorbitant teuer war. Der Flakon wurde von Lalique gestaltet, die Packung war mit schwarzer Spitze bedruckt. Die ersten Flakons waren zudem in echte schwarze Chantilly-Spitze gewickelt.
Schon im Dezember 1944 fanden rund tausend ausgewählte Damen aus betuchten Kreisen einen handgeschriebenen Brief in ihrem Kasten, mit dem Hinweis, sie könnten nun eine kleine Menge des limitierten Dufts ordern. Für die Adressatinnen war es im Grunde unwichtig, wie das Parfüm roch, Hauptsache, es war limitiert und teuer.
Schon bald nach Kriegsende drängten jedoch neue Parfüms auf den Markt, und auch die alten Klassiker waren nun wieder erhältlich. Rochas und Gosset mussten sich umstellen: Mit teuren Kleinauflagen war kein Gewinn zu erzielen, Femme musste breit vermarktet werden. Hélène Rochas hatte die passende Idee: In den Räumen des Modehauses Rochas organisierte sie eine Ausstellung mit dem Titel „Parfüm im Wandel der Mode von 1765 bis 1945“. Alle dort präsentierten Parfüms konnten von den Besuchern probiert werden, einschließlich Femme, das sich trotz des immer noch sehr hohen Preises zum Verkaufsschlager entwickelte.
Im Roman von 1957 kostet die „Riesenflasche“ 10.000 Francs. Eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass das 1961 das vom französischen Arbeitsministerium festgelegte Existenzminimum bei 1.400 Francs im Monat lag.
Die schöne Béla wusste das großzügige Geschenk ihres Liebhabers mit Sicherheit zu schätzen, und der Ärger von Ehefrau Francois galt nicht nur der Nebenbuhlerin, sondern auch der unanständig hohen Geldsumme, die John alias Jean für die Geliebte auszugeben bereit war.
Heute ist Femme als (überaus intensives und sehr haltbares) Eau de Toilette für einen Spottpreis zu bekommen. Der Duft wurde mehrfach neu formuliert, zuletzt 1989 von Oliver Cresp, hat aber noch immer seinen klassischen Chypre-Charakter bewahrt.
Eine perfekt ausbalancierte, zeitlos schöne Duftsinfonie aus Pflaume und Pfirsich, kombiniert mit Jasmin, Rose, Veilchen, Kümmel und Gewürznelke.

Deshalb hier gleich drei Tipps:
1) Den Roman „Der Sündenbock“ von Daphne du Maurier lesen
2) Femme ausprobieren
3) Die Verfilmung des Romans von 2012 mit Matthew Rhys in der Titelrolle ansehen

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Vertauschte Männer, verwechselte Geschenke – „Femme“ von Rochas (1)


Fast jeder kennt den Roman „Rebecca“ von Daphne du Maurier oder eine seiner zahlreichen Verfilmungen. Nicht ganz so bekannt, aber mindestens genauso gut ist ihr Roman „The Scapegoat“ – Der Sündenbock – der 1957 erschien und 1959 und 2012 verfilmt wurde.
The Scapegoat spielt in der Zeit seiner Entstehung und erzählt die Geschichte eines Rollentauschs. John, ein alleinstehender englischer Lehrer, trifft auf einer Reise in einem Landgasthof auf den französischen Grafen Jean, der ihm wie ein Zwillingsbruder ähnelt. Jean ist verheiratet und hat eine große Familie, die er allerdings am liebsten loswerden würde. Am Morgen ihrer Begegnung wacht John im Hotel mit Jeans Kleidern und Gepäck auf, Jean hat sich mit seinen Habseligkeiten aus dem Staub gemacht. Nachdem John vergeblich versucht hat, den Irrtum aufzuklären, schickt er sich in die Situation und übernimmt die Rolle des Grafen.
Unbegreiflicherweise scheint außer dem Hund niemand etwas von der Täuschung zu bemerken, auch wenn John mit einer Reihe verwirrender Situationen konfrontiert ist. In Bedrängnis gerät er jedoch durch die Verwechslung der Geschenke an seine Familie, wobei ein Parfüm eine wichtige Rolle spielt. Im Gepäck von Jean befinden sich nämlich mehrere Pakete, die jeweils mit Anfangsbuchstaben gekennzeichnet sind. Beim Präsent für die Ehefrau Francoise – ein Medaillon mit seinem Bildnis – trifft John ins Schwarze. In seiner Begeisterung beschließt er, die anderen Pakete im Beisein der ganzen Familie am Frühstückstisch auszupacken. Peinlich wird es, als sich das Geschenk für seinen Bruder als Potenzmittel entpuppt; auch das sexy Nachthemd für die Schwägerin ist offensichtlich nicht für die Augen der Anderen bestimmt. In das allergrößte Fettnäpfchen tritt John jedoch, als er seiner Schwester Blanche, einer frommen, verhärmten Jungfer, das mit B gekennzeichnete Paket übergibt. Am selben Abend berichtet ihm seine Tochter Marie=Noël : „Weißt du, Papa, (…) mit dem Geschenk für Tante Blanche hast du dich geirrt. Sie hat es nicht auspacken wollen, und so haben Maman und ich das für sie getan, und drin war ein Zettel: „Für meine schöne Béla, von Jean“, gar nichts von Blanche, und es war eine riesige Flasche Parfüm darin, Femme heißt es, in einer reizenden Schachtel, ganz aus Cellophan, und auch der Preis war noch daran – zehntausend Francs.“
Sichtlich gekränkt komplimentiert Francoise John aus dem gemeinsamen Schlafzimmer. Im Ankleideraum steht nun ein Feldbett mit Kissen und Decke, und auf der Kommode prangt einsam und unberührt die Parfümflasche mit dem leuchtenden Etikett Femme. Schon wenig später leistet John sich den nächsten Fauxpas und erfährt dabei, für wen das Parfüm bestimmt war. Als Marie=Noël versehentlich zwei Porzellanfiguren zerbrochen hat, die Francoise am Herzen liegen, will er die Figuren heimlich kitten lassen, und packt die Bruchstücke in die leere Parfümverpackung. In der Stadt schickt er Marie=Noël mit dem Paket in den Antiquitätenladen, während er selbst noch Bankgeschäfte tätigt. Als er später in das Geschäft kommt, ist das Kind längst weg, stattdessen empfängt ihn eine blonde Frau mit den Worten: „Warum um Himmes Willen, hast du die zerbrochenen Figuren in Cellophan und Papier gewickelt und eine Karte für mich beigelegt?“ Noch am gleichen Nachmittag landet John in Bélas kuscheligem Bett und erfährt bei dem Schäferstündchen, warum sein Doppelgänger seiner Geliebten stets Femme mitbringt:
„Weil er den Geruch gern hat und ich auch“
„Bedeutet das, der Gier dienen?“
„Das hängt von der Größe der Flasche ab.“
„Es ist eine sehr große Flasche.“
„Dann nenne ich es Voraussicht.“
John ist sich nicht sicher, ob er den Geruch von Femme kennt. „Parfümierten Frauen ging ich aus dem Weg; sie waren mir zuwieder. Doch diese Frau war nicht parfümiert, sie duftete nach Aprikosen.“
Möglicherweise irrte John, und der Aprikosenduft hatte durchaus mit Femme zu tun.
Mehr über die Geschichte von Femme, die fast ebenso spannend wie der Roman von Daphne Maurier, erfahrt ihr im nächsten Blog-Beitrag…..

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„Etwas schwül, etwas zu aufdringlich – Mitsouko, Paris“

mitsoukoIn den 1950er Jahren war der Parfümmarkt insgesamt noch recht übersichtlich. Eine Handvoll Klassiker aus der Vorkriegszeit dominierte den Markt. Und die reichte auch völlig aus, denn Parfüm blieb auf „besondere“ Gelegenheiten beschränkt, legte eine Frau Wert darauf, als Dame zu gelten.
Für junge Mädchen und Frauen jenseits der Wechseljahre waren Parfüms generell nicht statthaft, ausgenommen 4711 Kölnischwasser oder Lavendelwasser. Und in den Jahren dazwischen verbot sich jede Übertreibung.
Wenn eine Frau es trotzdem darauf anlegte, mit Parfüm aufzufallen, war sie aus dem Rennen.

Ein „literarisches“ Beispiel hierfür ist die Figur der Sekretärin Inge Lennartz aus dem 1953 in der Zeitschrift HÖRZU abgedruckten Roman „Der Engel mit dem Flammenschwert“. Er wurde von dem HÖRZU-Gründer und Chefredakteur Eduard Rhein unter dem Pseudonym Klaus Hellmer verfasst, später als Buch millionenfach aufgelegt, 1954 verfilmt, und gehörte zu den erfolgreichsten Romanen der frühen 50er Jahre.
Eine Besonderheit ist, dass das Parfüm namentlich genannt wird: Mitsouko von Guerlain. Ein Duft, der schon seit 1919 auf dem Markt war und zu den bekanntesten Parfümen gehörte. In dem Ratgeber „Schön sein, schön bleiben“ von 1955 steht über  Mitsouko:
Schwer und exotisch, geheimnisvoll und gefühlsbetont. Für reife dunkle Frauen“.

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Doch lesen wir zunächst die Handlung des Romans „Der Engel mit dem Flammenschwert“ in Kurzfassung:

Jürgen Marein, ein fescher, blonder junger Versicherungskaufmann Ende 20, ist seit fünf Jahren mit der fünf Jahre jüngeren, ebenso feschen blonden Helga verheiratet, die beiden haben zwei Kinder. Plötzlich geht bei der Polizei eine anonyme Anzeige ein: Jürgen und Helga sind angeblich Geschwister; die Ehe gilt nun wegen „Blutschande“ als nichtig. Offenbar wurde Helga von Jürgens Eltern direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben, durch den Krieg gingen alle Unterlagen verloren und beide glaubten, Einzelkinder zu sein.

Um es vorweg zu nehmen: Am Ende erfahren wir, dass Jürgens Vater von einer Liebschaft ein Kuckuckskind untergejubelt wurde. Die beiden sind also in Wirklichkeit nicht miteinander verwandt. Happy End also.

Bis sich die Sache jedoch klärt, ist für das Ehepaar Marein Katastrophe angesagt. Wie Adam und Eva in der Bibel werden sie von einem Engel mit Flammenschwert aus dem Paradies ihres Lebens vertrieben.

In dieser prekären Situation tritt Inge Lennartz, die mondäne Sekretärin von Jürgens Chef (im Film dargestellt von Petra Peters) auf den Plan. Sie ist Anfang 30 und hat schon länger ein Auge auf den propperen Kollegen geworfen. Einmal ist es ihr um ein Haar gelungen, Jürgen zu verführen. Aber seine Treue zu Helga war nicht zu erschüttern.

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Dass Inge Lennartz nun die Chance wittert, Jürgen doch noch für sich zu gewinnen,macht die Geschichte spannend. Denn sie ist keine echte Dame. Sie benutzt Parfüm. Und das sogar am Arbeitsplatz:

Die Lennartz sitzt an ihrem Tischchen in dem kleinen Vorzimmer von Direktor Wolters und lächelt ihm entgegen; dabei bewegt sie auf mädchenhafte Art ihre langen Wimpern auf und nieder. (…) Jürgen wittert mit einem kleinen Unbehagen den Parfümduft, der von ihr ausgeht. Ein süßlich-bitterer Geruch, etwas schwül, etwas zu aufdringlich. Mitsouko – Paris! Jürgen hasst diesen Geruch seit jener einen Karnevalsnacht. Er möchte sie gerne vergessen, aber das Mitsouko der Lennatz erinnert ihn immer wieder daran.

Was ist eigentlich damals passiert auf der Betriebsfeier? An einer anderen Stelle des Buches erfahren wir mehr: Jürgen und Inge haben mitten im Rausch des Karnevals einen ausgelassenen Abend verlebt. „Du bist der netteste Mann der Welt, Jürgen“, hat Inge gesagt, und mit ihren unruhigen Händen in seinem Haar gewühlt. „Du bist die zweitnetteste Frau der Welt, Inge“, hat er lächelnd geantwortet, „und du hast ein Parfüm, das einen schwach machen kann.“

Nach der anonymen Anzeige (wir erfahren später, dass es ein neidischer Kollege war), muss Jürgen sich von seiner Familie trennen und zieht in eine schäbige Junggesellenwohnung. Er trinkt zu viel, ist verdächtig nah am Absturz, aber Sekretärin Inge erweist sich nun als Retterin in der Not. Sie nimmt den angeschlagenen Jürgen unter ihre Fittiche, und einmal gelingt es ihr sogar, eine gemeinsame Nacht mit ihm in einem Hotel zu verbringen.
Inge ist eine verständnisvolle Freundin, stellt Jürgen fest. Aber ob er sie so lieben kann wie er Helga liebt? Helga, die kein Parfüm benutzt, aber deren Haar „wie frisch gebackenes Brot“ duftet…..

Die Lennartz sieht blendend aus. Sie trägt ein Kleid aus goldgelber Shantungseide, die mit einem skurrilen schwarzen Blumenmuster bedruckt ist. Eine raffinierte Farbzusammenstellung. Dazu ihr kurzlockiges schwarzes Haar mit dem Tizianschimmer; ihr sanfter, dunkler Teint, ihre rot lackierten gepflegten Fingernägel. Und dann der Duft von Mitsouko.

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Spätestens an dieser Stelle dürfte allen HÖRZU-Lesern klar gewesen sein: Das ist keine passende Ehefrau für den anständigen Jürgen Marein. Viel zu grell, viel zu laut und viel zu auffällig.

Das scheint auch Jürgen zu spüren; nachdem er Weihnachten im Kreise von (Ex-)Frau und Kindern unter dem Tannenbaum zugebracht hat, beschließt er, zu Helga zurückzukehren und mit ihr als Bruder und Schwester zusammenzuleben. Inge bleibt alleine in ihrer Wohnung bei Rotwein, Weihnachtsgans und Radiomusik sitzen…

Inge Lennatz unternimmt nun einen letzten verzweifelten Versuch: Sie besucht Helga Marein und erklärt ihr, dass sie Jürgen liebt. Auch mit der Übernachung im Hotel hält sie nicht hinter dem Berg. Helga reagiert jedoch gelassen: Jürgen hat sich für seine Familie entschieden. Unverrichteter Dinge muss Inge Lennartz die Wohnung verlassen.

Nichts ahnend kommt Jürgen am Abend nach Hause. „Das Essen ist gleich so weit“, sagt Helga. Jürgen sieht sie prüfend an. Das klang so merkwürdig fremd. Er zieht witternd die Luft ein. Wie das hier riecht! Denkt er. Ein feiner, süßer Duft, den er kennt… er runzelt die Stirn. „Sag mal, hast du Besuch gehabt?“
Helga wird ein wenig rot, aber sie antwortet nicht.
„Die Lennarz war hier“, sagt er, „Stimmts?“ (…)

Und so verschwindet Inge aus Jürgens Leben und aus dem Roman. Sang- und klanglos.
Nur ein feiner bittersüßer Hauch von Mitsouko bleibt zurück….

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Mitsouko ist seit 1919 erhältlich. Die Nase hinter diesem Parfum ist Jacques Guerlain.
Die Kopfnoten sind Zitrusfrüchte, Jasmin, Bergamotte und Rose.
Die Herznoten sind Flieder, Pfirsich, Jasmin, Ylang-Ylang und Rose.
Die Basisnoten sind Gewürze, Ambra, Zimt, Vetiver und Eichenmoos.
Seine markante Pfirsichnote verdankt Mitsouko einem Aldehyd mit der Bezeichnung „Aldehyd C14“, das hier zum ersten Mal in einem Parfüm eingesetzt wurde.

Der Name ist aus dem Roman „La Bataille“ von Claude Farrère entliehen, dessen Heldin Mitsouko sich während des Russisch-Japanischen Krieges in einen britischen Militärattaché verliebt.
Es heißt, Mitsouko sei das Lieblingsparfüm von Charly Chaplin und von Serge Diaghilev gewesen.
Und natürlich von Inge Lennartz.

Duftklassiker aus 99 Jahren – „Kobako“

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Wenn sich hunderte von Fashion-Fans frierend bei Tagesanbruch vor der H&M-Filiale die Beine in den Bauch stehen, dann wissen wir, dass wieder mal eine bezahlbare, aber limitierte Designer-Kollektion angeboten wird. Ob KENZO oder VERSACE, es gehört schon fast zum guten Ton, Mode für das schwedische Textilhandelsunternehmen zu entwerfen.
Auf dem Parfümsektor gibt es hierzu durchaus Parallelen, nur sind diese weniger bekannt. So kreierte zum Beispiel die „Nase“ Aurélien Guichard nicht nur Edeldüfte wie „My Name“ von Trussardi oder „Gucci Guilty“, sondern auch preisgünstige Parfüms für das Drogerie-Segment wie etwa „Shine“ aus der Heidi Klum-Reihe.
Auch der legendäre Parfümeur Ernest Beaux, der für Coco Chanel Klassiker wie „Chanel No 5“, „Cuir de Russie“ oder „Gardénia“ kreierte, war nicht ausschließlich im Luxus-Sektor tätig. Für die Firma Bourjois schuf er 1928 und 1936 zwei Düfte, die bis heute erhältlich und sehr interessant sind.
Bourjois Paris ist hauptsächlich für Make-Up-Produkte bekannt. Das Unternehmen entstand 1863 auf den großen Boulevards des Theaterdistrikts. Alles begann damit, dass der Schauspieler Joseph-Albert Ponsin bei sich zu Hause Make-up und Parfüms für seine Kolleginnen und Kollegen herstellte. Eine wichtige Neuerung, war doch bis dahin die Bühnenschminke von höchst zweifelhafter Qualität und durch Beigabe von Quecksilber und Bleiweiß extrem gesundheitsschädlich. (In Deutschland war es übrigens ein früherer Opernsänger, Ludwig Leichner, der als Erster giftfreie Bühnenschminke in Berlin herstellte und verkaufte – doch dies nur nebenbei.) 1868 gab Ponsin sein gesamtes Geschäft an Alexandre-Napoléon Bourjois weiter. Unter seiner Leitung blühte das Unternehmen auf und wurde international bekannt.

Im Jahr 1936 kreierte Ernest Beaux für Bourjois den Duft „Kobako“. Der Begriff stammt aus dem Japanischen und bedeutet (Duft-)Kästchen. Auch der erste Flakon war asiatisch angehaucht. Er war im Stil einer geschnitzten Schnupftabakdose gestaltet und hatte ein kostbares Gehäuse aus rotem und schwarzem Bakelit.

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Als Duftnoten sollen im Ur-Kobako von 1936 enthalten gewesen sein:
Kopfnoten: Zitrusfrüchte, Aldehyde, Gewürznelken und Zimt
Herznoten: Jasmin, Rose, Magnolie, Klee, Galbanharz, Nelke, Lilie und Iriswurzel
Basisnoten: Tonkabohne, Zibetöl, Benzoeharz, Weihrauch Olibanum, Ambra, Eichenmoos, Moschus, Leder und Vanille
Wie Kobako 1936 tatsächlich geduftet hat, kann ich leider nicht beurteilen. Ich kenne nur die aktuelle Version, ein Eau de Toilette, das seit 1982 erhältlich ist. Mit der Reformulierung soll Bourjois damals François Demachy (Erfinder von „Poison“ und „Addict“ von Dior), betraut haben.
Für dieses Eau de Toilette sind immerhin noch folgende Duftnoten angegeben:
Kopfnote: Zitrone, Zimt, Aldehyde
Herznote: Rose, Klee Jasmin, Iris, Lilie, Magnolie, Gardenie
Basisnote: Zibet, Moschus und Ambra (=“Nachbauten“ dieser tierischen Substanzen)

Der aktuelle Flakon ist schlicht gehalten. Eine schmale gerade Flasche aus geriffeltem Glas mit einem rotbraunen Kunststoffdeckel, auf dem der Name steht. Bourjois verwendet diese Flakonform für alle Düfte, nur die Farben der Deckel und die Kartons sind jeweils unterschiedlich.
Der Kobako-Flakon mit der rötlichen Flüssigkeit darin, weckt im ersten Moment Assoziationen an Düfte wie „Opium“, „Cinnabar“ oder „Obsession“. Aber der Inhalt hat mit diesen orientalischen Wummsern wenig gemein.
Im Auftakt ist Kobako herb-zitrisch mit vielen grünen Noten. Wer auf zimtige Weihnachtsplätzchen gehofft hat, wartet vergeblich. Der Zimt spielt nicht die erste Geige sondern ist eingebettet in einen blütig-bitteren Akkord aus Klee und Magnolie.
Ich habe eine Weile gebraucht, um Kobako lieb zu gewinnen, aber die Mühe hat sich gelohnt. Es fällt mir schwer zu sagen, „wonach“ das Parfüm, das ich übrigens durchaus als unisex einstufen würde, denn nun eigentlich riecht. Ich kann nur feststellen, dass ich mich selbstbewusst, sauber und irgendwie wohlhabend fühle, wenn ich Kobako trage. Und das ich jedem, der über das Teenager-Alter hinaus ist nur raten kann: Ausprobieren! Gerne großzügig sprühen, es tut nicht weh, und es ist ist mit rund 13 Euro für 50 ml. so preisgünstig zu bekommen, dass nichts schief gehen kann.
Übrigens gibt es seit 1986 noch eine zusätzliche Version in Lila, die „Kobako Sensuelle“ heißt. Sie ist sehr süß und vanillig, mit einem kräftigen Spritzer Mandarine, nur im Untergrund wabert noch die alte Kobako-DNA. Wer die neueren Shalimar-Varianten mag, unter 25 Jahre alt ist, oder wem würzig-herbe Chypres zu altmodisch sind, könnte an „Kobako Sensuelle“ durchaus Freude haben. Ich werde wohl dem kantigen Original, der japanischen Duftkiste, treu bleiben.

Duftklassiker aus 99 Jahren – „Vanderbilt“

Juni 2009, Skandal in New York: Gloria Vanderbilt, 85, vornehme New Yorkerin und Erbin der Vanderbilt-Millionen, hat einen höchst freizügigen Roman verfasst. Lesungen der rüstigen Bestseller-Autorin lehnt der Verlag jedoch ab (auch in Altersheimen gab es keine). Dabei war dies nicht die erste Sensation, mit der Gloria Vanderbilt die Öffentlichkeit zeitlebens beschäftigte.
Sie war die Enkelin des berühmten Eisenbahnkönigs Cornelius Vanderbilt. Ihre Großmutter ging 1883 in die Geschichte ein, als sie sich zur Feier der Elektrifizierung des bescheidenen Heimes in der New Yorker Fifth Avenue als Glühbirne
verkleidete. (Kurz nach dem Fest ließ sie sämtliche elektrischen Leitung aus ihrem Zuhause wieder entfernen, da sie sich vor Kabelbrand fürchtete.)
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Glorias Vater, Reginald Vanderbilt, Eisenbahnmagnat, Pferdezüchter, Frauenheld und Spieler, soff sich zu Tode, als sie gerade 17 Monate alt war. Das war 1925. Sie erbte viele Millionen Dollar, und die Erwachsenen stritten nun darum, sie zu sich zu nehmen, um ihr Geld verwalten zu dürfen. Glorias Mutter nahm die Kleine mit an die Côte d’Azur, wo sich die lustige Witwe mit Champagner und einem deutschen Prinzen vergnügte.

Die Haushälterin erzählte vor Gericht von unmoralischer Lebensführung, eine Tante erhielt das Sorgerecht, und so wurde Klein-Gloria ihrer Mutter entrissen…

Gloria Vanderbilt selbst heiratete insgesamt viermal (unter anderem den Dirigenten Leopold Stokowski und den Regisseur Sidney Lumet) und bekam zwei Söhne. Zum Reigen ihrer unbekannten Liebhaber gesellten sich Stars wie Frank Sinatra, Howard Hughes, Gene Kelly und Marlon Brando.

Ihr weiteres Leben verbrachte sie mit Schauspielerei, Schriftstellerei und Produktgestaltung. Während der 1970er Jahre wagte sie sich ins Modegeschäft und lizenzierte ihren berühmten Namen für eine Reihe von Schals. Der indische Designer Mohan Murjani schlug ihr 1976 vor, eine Reihe von knallengen Designer-Jeans herauszubringen, die mit ihrer Unterschrift auf der Gesäßtasche bestickt waren. Als ihr Markenzeichen wählte Gloria Vanderbilt den Schwan. Im Laufe der Zeit erhielten schließlich auch Kleider, Lederwaren, Liköre und Accessoires das Logo mit dem Schwan.

s-l16001s-l16001982 kam dann endlich das erste Parfüm heraus, dessen Flakon der Schwan als Markenzeichen ziert. Mit der Kreation des Dufts beauftragte Gloria Vanderbilt Sophia Grojsman, eine der wenigen weiblichen „Nasen“.

Kopfnoten: Aldehyde, Ananas, Orangenblüte, Lavendel, grüne Noten und Bergamotte
Herznoten: Nelke, Tuberose, Iriswurzel, Jasmin, Ylang-Ylang und Rose
Basisnoten: Sandelholz, Zimt, Opopanax, Moschus, Zibetöl, Vanille und Vetiver

Die Besonderheit an Vanderbilt ist, dass er zu Beginn der 1980er Jahre zwei Duftrichtungen miteinander vereinte: Zum Einen die grünen, aldeydigen „Sauberdüfte“ deren Paradebeispiel „White Linen“ Sophia Grojsmann schon 1978 für Estée Lauder geschaffen hatte.

Zum Anderen markiert das Parfüm mit dem Schwan den Aufbruch zu den süß-blumigen, manchmal etwas lauten Kuscheldüften der 80er Jahre wie „Ex’cla-ma’tion“ (1988 für Coty) und „Trésor“ (1990 für Lancôme).

Vielleicht ist genau dieser Spagat zwischen sauber-seifig und blumig-süß auch der Grund, warum Vanderbilt bis heute so erfolgreich ist.

Im Unterschied zu dem leichteren Eau de Toilette, das aktuell auf dem Markt ist, muss die Ur-Version von Vanderbilt ein echter Kracher und von der Silage sehr heftig gewesen sein.
Ich habe einen Mini-Flakon davon, und der Inhalt spricht für sich. Auch der Preis war 1982 nicht ohne, sodass manche Frau von einer Flasche wahrscheinlich nur träumen konnte.
Heute ist das neu formulierte, ein wenig entschärfte Eau de Toilette in den Regalen gut sortierter Drogerien zu finden. Zum „Taschengeldpreis“ zwar, aber für Mädchen und ganz junge Frauen eher nicht so interessant. Denn Vanderbilt ist ganz klar einen „Frauenparfüm“. Teenies oder Männer werden ihm (zum eigenen Gebrauch) wenig abgewinnen können.
Noch immer ist der Flakon in einen pudrig-rosa Karton verpackt und wird von einem Schwan geziert. Wobei der majestätische Wasservogel nun vom Stöpsel auf den Flakon gewandert ist. Hübsch sind auch die kleinen 15-m-Fläschchen, die sich wunderbar in der Handtasche verstauen lassen.

Ich persönlich hätte Vanderbilt wohl nie entdeckt, wenn ich ihn nicht zufällig im Februar 2015 als Beigabe in einem Valentins-Paket geschenkt bekommen hätte.

Inzwischen gehört er zu den Düften, die ich zwar nicht täglich, aber regelmäßig trage. Die feine Balance aus blumigen, sauberen und pudrigen Noten schätze ich besonders, wenn ich zu geschäftlichen Terminen oder Treffen mit unbekannten Menschen aufbreche.
Ich habe nämlich das Gefühl, dass mir Duft nicht nur die Erhabenheit und distanzierte Haltung eines stolzen Wasservogels verleiht, sondern auch einen freundlichen, femininen Eindruck in seinem Kielwasser nach sich zieht.

Und das, obwohl Vanderbilt schon 35 Jahre auf dem Höcker hat – mein lieber Schwan!

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Duftklassiker aus 99 Jahren – „Cabochard“

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Heute möchte ich von einem Parfüm erzählen, das ich auf sehr ungewöhnliche Weise für mich entdeckt habe. Es kam nämlich in einem Roman vor, der mir im Urlaub in einer Ramschkiste in die Hände gefallen ist.
Bei dem Buch handelt es sich um einen Thriller aus dem Jahr 1974 mit dem Titel: „Der Fanclub“ von Irving Wallace. Soviel ich weiß, war er seinerzeit recht erfolgreich, und es gab auch Pläne zu einer Verfilmung, die aber nie umgesetzt wurden.
Die Geschichte handelt von einem weiblichen Filmstar Mitte 30 namens Sharon Fields. Ich stelle sie mir etwa so wie Farrah Fawcett vor, denn so ähnlich wird sie rein optisch beschrieben. Sharon Fields wurde von ihren Managern und Regisseuren als hemmungsloses Sex-Idol aufgebaut, aber sie hat inzwischen genug Selbstbewusstsein und Geld, um sich nun als ernsthafte Schauspielerin zu beweisen. Just in diesem Moment wird sie jedoch von einer Gruppe fanatischer Verehrer entführt, die die Lügen der Publicity allzu genau genommen haben. Die vier Männer glauben allen Ernstes, dass Sharon eine Art Nymphomanin ist und ihnen begeistert zu Willen sein wird, wenn sie erst einmal mit ihnen alleine in der Wildnis ist. Ohne Federlesen etnführen und betäuben die Kerle ihr Opfer und verschleppen es in eine abgelegene Blockhütte.
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Im Verlauf der Geschichte schafft es Sharon nun, die Männer, ohne dass sie es merken, gegeneinander auszuspielen und durch persönliche Dinge, die in der nahe gelegenen Stadt beschafft werden müssen, eine Art Signal oder Hilferuf auszusenden. So bittet sie den unbedarftesten der Kidnapper, ihr im Supermarkt spezielle Minzbonbons, eine exotische Zigarettensorte und ein ganz besonderes Parfüm mitzubringen: „Cabochard“ von Madame Grès. Der trottelige Entführer muss sich den Namen des Parfüms aufschreiben und natürlich der Verkäuferin im Supermarkt buchstabieren. Dort ist das Parfüm – wie nicht anders zu erwarten – nicht zu bekommen und muss extra bestellt werden.
Sharons Manager, der den Entführern seit einem Erpresserbrief dicht auf den Spuren ist, braucht im Supermarkt nur nachzufragen, ob den Verkäuferinnen in den letzten Tagen irgendetwas Besonderes aufgefallen ist. Ach ja: Da war doch dieser komische Typ, der das merkwürdige Parfüm bestellt hat, nach dem vorher noch nie jemand gefragt hat. Hieß es zufällig „Cabochard“? Bingo!
Um es abzukürzen: Sharon schafft es, ihre Freunde auf die Spur der Entführer und zu der Hütte zu führen, die Gangster werden alle bis auf einen getötet, und die Schauspielerin ist endlich wieder frei.
Nach Lektüre dieses spannenden, wenngleich inhaltlich eher fragwürdigen Machwerks war ich natürlich gespannt, ob es das beschriebene Parfüm tatsächlich gibt und wie es denn riechen mag. Ja, es gibt das Parfüm noch, und zwar unverändert seit 58 Jahren!

Doch bevor ich den Duft näher beschreibe noch ein paar kurze Worte zu Madame Grès:

Germaine Émilie Krebs (1903-1993) war eine französische Modedesignerin als Bildhauerin anfing. Ab 1933 arbeitete sie für die Modefirma „Alix Barton“ und machte sich einen eigenen Namen in der französischen Modewelt. Zwei Jahre später konnte sie ihr eigenes Modehaus in Paris, Rue de la Paix 1, eröffnen. Die von ihr entworfenen Kleider waren meist asymmetrische Roben, die im Stil der griechischen Antike gestaltet waren. Zu den illustren Kundinnen gehörten Marlene Dietrich, Greta Garbo, Grace Kelly, Jane Birkin, Édith Piaf und Wallis Simpson.
Nachdem sie von einer Indienreise zurückgekehrt war, beschloss Madame Grès 1959, ein eigenes Parfum auf den Markt zu bringen. Die „Nase“ Bernard Chant (von dem so bekannte Kracher wie „Aromatics Elixir“ von Clinique und „Cinnabar“ von Estēe Lauder stammen) komponierte für sie „Cabochard“, was so viel wie „Dickkopf“, „halsstarrig“ oder „Kobold“ bedeutet.
Inspiriert von der eigenwilligen Persönlichkeit von Madame Grès mixte er einen Chypre, der sich gewaschen hat: Die Kopfnoten sind Aldehyde, Gewürze, fruchtige Noten, Teufelsdreck (lat. Ferula assafoetida), Estragon, Zitrus und Salbei; die Herznoten sind Iriswurzel, Jasmin, Ylang-Ylang, Rose und Geranie; als Basisnoten dienen Leder, Sandelholz, Ambra, Moschus, Kokosnuss, Moos, Vetiver und Tabak.
Cabochard ist ein klassischer, sehr eichenmooslastiger Chypre. Der Auftakt ist sehr würzig, mit der Zeit kommen, neben dem bitteren Moos, auch noch intensive Leder- und Pfeifentabaknoten durch. Es könnte durchaus ein Herrenduft sein, wären da nicht die weichen und puderigen Akzente von Iris, Moschus und Sandelholz und die blümeligen Noten von Rose und Jasmin. Am interessantesten finde ich persönlich die unsüße Kokosnote in der Basis, die Cabochard einen ganz besonderen Kik verleiht.
Cabochard macht seinem Namen wirklich Ehre, er ist nichts für liebe kleine Mädchen, sondern für gestandene Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts, die ihren eigenen Kopf haben, auch wenn die Mode gerade in eine ganz andere Richtung geht.
Sein Charme hat etwas von alten Schwarzweißfilmen mit Ingrid Bergmann oder Greta Garbo, dazu passt auch der aktuelle schlichte Flakon mit dem schwarz-goldenen Deckel und der mattierten Schleife.
Ich trage „Cabochard“ gerne in Situationen, wo es auf Stärke und Selbstbewusstsein ankommt. Dann verleiht er Haltung wie ein paar exzellent verarbeitete Lederstiefel und verkündet unübersehbar: Mit mir muss man rechnen. Je suis Cabochard….


Duftklassiker aus 99 Jahren – „Chantilly“

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Chantilly

Chantilly ist eine berühmte Stadt, nördlich von Paris, mit Schloss und Pferdezucht. Bekannt ist sie unter anderem für die „Chantillyspitze – eine feine, konturierte Klöppelspitze mit reicher floraler Musterung. Diese Spitze findet sich auch auf der Schachtel des Parfums „Chantilly“, den es wurde nach der feinen Klöppelware benannt.
Der Duft wurde 1940/1941 von der Traditionsfirma Houbigant herausgebracht, die beiden „Erfinder“ waren Marcel Billot und Paul Parquet

Schon zur Zeit seiner Einführung war Chantilly kein innovativer oder gar revolutionärer Duft, denn er erinnerte an zwei berühmte Klassiker aus den 1920er Jahren: „Emeraude“ von Coty (1921) und „Shalimar“ von Guerlain (1925).
Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gabe es Chantilly in den verschiedensten Flakons zu kaufen, und Houbigant bot auch passenden Puder und andere Produkte an.
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Im Jahr 2000 erwarb das (ursprünglich spanische, heute amerikanische) Unternehmen „Dana“ die Markenrechte an dem Duft und stellt ihn weiterhin her. Soviel ich weiß, wurde die Formel nicht wesentlich verändert. Auch ein Flakon – vermutlich aus den 1960er Jahren – und das Design der Verpackung wurde übernommen.

Folgende Duftnoten sind für die aktuelle Version von Chantilly angegeben:
Kopfnote: Bergamotte, fruchtige Noten, Neroli, Zitrone
Herznote: Gartennelke, Gewürze, Jasmin, Orangenblüte, Rose, Ylang-Ylang
Basisnote: Benzoe, Eichenmoos, Moschus, Sandelholz, Tonkabohne, Vanille

Nachdem mir „Tabu“ aus dem Hause Dana so gut gefallen hat, ging an Chantilly kein Weg vorbei. Zumal ich von der Ähnlichkeit mit Shalimar und Emeraude gelesen hatte.

Diese Ähnlichkeit besteht tatsächlich! Beim Aufsprühen und in der ersten Phase der Duftentwicklung verhält sich Chantilly aber ganz anders als die orientalischen Schwestern.
Der Duft startet sehr sauer-fruchtig, seifig und ein bisschen bitter. Irgendetwas erinnert mich an L’Air du Temps, ich vermute, es ist die Gartennelke.

Nach einer gewissen Zeit wird der Duft dann weicher, vanilliger und sehr pudrig. Und da ist sie dann auch deutlich zu bemerken, die „gewisse“ Ähnlichkeit mit Shalimar und Emeraude.
Wobei Chantilly Zutaten wie Weihrauch oder Patschuli vollkommen abhold ist.
Die Gewürzplätzchen- (Shalimar) oder Schokoladennote (Emeraude) fehlt, was dem Duft eine leichte, sehr frische und saubere Ausstrahlung verleiht. Sozusagen ein unorientalischer Orientale, oder ein Chypre Oriental.

Für mich ist Chantilly im wahrsten Sinne des Wortes Spitze. Ein echter, sehr femininer „Allrounder“, den man in jedem Alter, zu jeder Jahreszeit und bei allen Gelegenheiten tragen kann.
Probieren Sie ihn! Falls Ihnen der Duft wieder Erwarten nicht gefällt, machen sich der hübsche Flakon und die Schachtel immer noch gut als Dekoration auf dem Frisiertisch. Darunter das Klöppeldeckchen nicht vergessen……

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