Der Duft meines virtuellen Ankleidezimmers

Evasion

Roter Himmel, eine Wüstenlandschaft, im Vordergrund eine unbekleidete Frau. Sie ist von hinten zu sehen und bewegt sich auf Zehenspitzen in Richtung eines Bergmassivs, über dem ein roter Himmel mit Wetterleuchten brütet. Die ganze Szenerie scheint vor Hitze zu flimmern, darüber die Überschrift: Un Monde Nouveau – Évasion.
Ich weiß nicht, welchen Duft Sie erwarten, wenn Sie sich diese Werbeanzeige aus den 1970er Jahren für das Parfum „Évasion“ von Bourjois vorstellen. Ich persönlich würde genau das Gegenteil von dem vermuten, was ich tatsächlich rieche.

Aufgrund der Anzeige oder der Verpackung hätte ich den Duft auch nie und nimmer gekauft. Anreiz war vielmehr ein Kommentar auf der Webseite parfumo.de von Angelliese. Èvasion wird darin mit einem weißen Seidenschal im Wind verglichen und als heimliches Kleinod gewürdigt. Genug, um mich sehr sehr neugierig zu machen und ein nachdrückliches, schnell wachsendes „Auch-Haben-Will-Gefühl“ bei mir einzupflanzen.
Und da Évasion unproblematisch und zu einem moderaten Preis über das Internet erhältlich ist, konnte alsbald ein 50-ml-Flakon Eau de Toilette bei mir einziehen.

Über die Firma Bourjois wusste ich bislang wenig; sie ist vor allem für ihre Make-Up-Produkte bekannt. Und dies – man höre und staune – seit 1863. Gründer war Joseph-Albert Ponsin, ein Schauspieler, der für sich und seine männlichen und weiblichen Kollegen auf Pariser Bühnen Schminke und Puder selbst herstellte. In einer Zeit, wo die meisten Bühnenschminken extrem gesundheitsgefährdend waren, weil sie giftige Substanzen wie Bleiweiß oder Cadmium enthielten, eine zukunftsweisende Sache. Fünf Jahre später vertraute Ponsin seine Firma Alexandre-Napoléon Bourjois an, der das Unternehmen ausbaute und bald international bekannt machte.
Zu den berühmtesten Düften der Firma Bourjois gehören „Soir de Paris“ (1924) und „Kobako“ (1936); über beide soll ein andermal berichtet werden.

„Èvasion“ erschien im selben Jahr in dem im deutschen Fernehen der erste „Tatort“ ausgestrahlt wurde: 1970. Und wie diese Sendung ist es ein Klassiker, der erstaunliche Beständigkeit bewiesen hat.
Ich war 1970 im Vorschulalter, und vom Weltgeschehen habe ich noch nichts bewusst mitbekommen. Im Radio dudelte als Hit des Jahres „Dein schönstes Geschenk“ von Roy Black; um „Whole Lotta Love“ von Led Zeppelin zu würdigen, das weltweit meistverkaufte Album des Jahres, war ich entschieden zu jung.
Mode, Architektur und Inneneinrichtungen der 1970er-Jahre empfinde ich persönlich bis heute überwiegend als gigantische Geschmacksverirrung. Irgendwo zwischen Glasbausteinen, Sichtbeton, Schlaghosen und kleinen grünen kratzenden Pullovern, wie sie Frank Zappa 1971 in dem Film „200 Motels“ besang, muss es aber auch Schönes gegeben haben. „Évasion“ ist dafür der Beweis.

Geißblatt, Hyazinthe, Jasmin und Maiglöckchen sind die Duftnoten. Sie sind gleich beim Aufsprühen auf angenehmste Weise präsent, weich und blütenzart.
Bittere Noten, wie sie in vielen Düften der 70er-Jahre vorkommen, sucht man hier vergebens. Es sind die reinen, hellen, wunderschönen Blüten, samtig, pudrig und zart.

Der Vergleich mit dem weißen, flatternden Seidenschal ist kaum zu toppen.
Meine ganz eigene Assoziation für Évation ist jedoch mein virtuelles Ankleidezimmer. Wie vermutlich viele Frauen träume ich bisweilen von einem „begehbaren Schrank“, der sauber und geordnet meine gesamte Garderobe und meinen Schmuck enthält. Es ist ein makelloser Ort, den außer mir niemand betreten darf, ein Schrein, eine Schatzkammer, die mit feinen Seidentapeten, Spiegeln und schmeichelhafter Beleuchtung ausgestattet ist. Wenn ich die Augen schließe, kann ich diesen (T)Raum vor mir sehen. Und er duftet unzweifelhaft nach „Évasion“.

Anders als das Traumzimmer ist das Parfum ein Luxus, den ich mir gönne und sehr genieße. Und ich kann das Parfum allen ans Herz legen, die helle, pudrig saubere Blütendüfte mögen oder gerne neu entdecken möchten.

 

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Ein Gedanke zu “Der Duft meines virtuellen Ankleidezimmers

  1. Schöner Artikel! An Manches kann ich mich noch gut erinnern, obwohl ich auch in den Siebzigern noch recht jung war :-))Ja, so ein tolles Ankleidezimmer wäre ein Traum. Freue mich schon auf den nächsten Bericht über das Kobako! Vielen Dank dafür!

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