Liebe macht Blindsäume

Die Knöpfe habe ich all drei von Hand angenäht, aber beim Saum muss ich gestehen: Ich bin faul !!!! Den nähe ich heute mit der Maschine.

Damit das Kleid am Saum schön gerade ist, habe ich vorher mit dem Rockabrunder gearbeitet. Leider konnte ich das nicht fotografieren, weil ich selbst dabei Schneiderpuppe spielen musste…. Aber hier seht ihr meinen wunderschönen, altmodischen Rockabrunder aus den frühen 60er Jahren:

Das Prinzip ist ganz einfach; Mit dem Blasebällchen wird Kreide in einer bestimmten Höhe ab Fußboden auf das Kleid gepustet. Dazu am besten die Schuhe anziehen, die später auch zum Kleid getragen werden sollen. Mit dem Rockabrunder einmal rundherum pusten, fertig ist die gerade Linie. Bei einem schmalen Rock ist das nicht so schwierig, aber sobald es glockig wird, neigen Säume zum Zipfeln. Es nützt dann gar nichts, die Länge ab der Taille zu messen, der Rock sitzt trotzdem schief. Hier ist der Rockabrunder Gold wert. Am besten eine Freundin bitten, ihn zu bedienen und selbst Modell stehen!

Nachdem der Rock nun gerade geschnitten, versäubert und 4 cm breit umgeheftet ist, nähe ich einen Blindsaum. Das klappt nicht mit allen Stoffen, aber wenn sie gemustert oder ein bisschen flauschig sind, sieht man auf der Vorderseite fast nichts von der Naht.

Hierzu wird der umgebogene Saum unter der Maschine so gefaltet, dass rechts etwa 5 mm Kante überstehen. Der Blindsaumstich funktioniert so, dass die Maschine immer ein paar Stiche geradeaus rechts neben der Fußmitte macht, dann folgt ein einzelner Stich nach links, und es geht wieder rechts weiter. Beim Nähen müsst ihr darauf achten, dass die gefaltete Kante immer haargenau unter der mittleren Kerbe des Nähfußes durchläuft. Wenn ihr dann geradeaus näht, näht die Nadel rechts von der Kante und sticht ca. alle 2 cm kurz links in den gefalteten Stoff. Auf diese Weise werden vom Oberstoff immer nur ein paar Fäden erwischt. Klappt man nun den fertigen Saum um, sind von rechts nur ein paar feine Punkte zu sehen, die beim Dämpfen fast völlig verschwinden. Außerdem bleibt der Saum elastisch. Toll, stimmts?

 

 

So, nun bügeln wir unser Werk ein letztes Mal, zupfen alle Heftfäden ab, schneiden überflüssige Fäden ab, ziehen es an und veranstalten unsere eigene Modenschau!
Wie durch ein Wunder – Die Dame auf dem Titelblatt von 1956 ist zum Leben erwacht !!!!!!

 

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Drei Knopflöcher für Aschenbrödel

singer-werbungHeute sind drei Knopflöcher an der Reihe, zwei „richtige“ und ein falsches. Die „richtigen“ kommen an die Ärmelbündchen, das „falsche“ mitten auf das Miederteil. Da nämlich der Knopf dort rein dekorative Funktion hat, ist es nur ein Zierknopfloch, auf das ich den Knopf aufnähe. Auf diese Weise werden die Miederteile auch gut zusammengehalten. Für alle drei Knopflöcher verwende ich einen speziellen Nähfuß. Der Knopflochfuß gehört zu den Anschaffungen, die man sich gönnen sollte! Eine Menge Spezialfüße sind nicht nötig, so kann man zum Beispiel nahtverdeckte Reißverschlüsse wunderbar ohne Spezialfuß einnähen. Aber der Knopflochfuß ist klasse, denn er hat zwei große Vorteile:

1) Am Schieber lässt sich der Knopf einlegen, und die Knopflochgröße wird präzise ermittelt

2) Beim rückwärts Nähen transportiert der Stoff besser als mit einem Standart-Fuß, sodass die Riegel wirklich parallel zueinander bleiben.

Meine Maschine hat eine Knopflochfunktion, bei der das Knopfloch in vier Etappen genäht wird: linke Raupe (geradeaus), Riegel, rechte Raupe (rückwärts), Riegel.
Das fertige Knopfloch wird mit dem Nahttrenner vorsichtig aufgeschnitten.

Für das große Deko-Knopfloch von 5,5 cm Länge ist der Fuß zu kurz, das heißt, ich muss zwischendurch anhalten und den Schieber noch einmal öffnen.

Als Krönung des Tages nähen wir noch die Ärmel ein. Erinnert ihr auch an das Kreide-Kreuz? Wenn der Ärmel eingeheftet ist, kann man damit kontrollieren, ob er richtig eingesetzt ist. Die Linien sollten beim locker herabhängenden Arm genau waagerecht und senkrecht sein. Wenn das hinkommt, steht dem Einnähen und Bügeln nicht mehr im Wege.

Übrigens: Nachdem ich die Seitennähte des Kleides geschlossen und rechts einen Reißverschluss eingenäht habe, kann ich das Kleid nicht mehr auf meine Schneiderpuppe ziehen. Die Dame ist einfach zu unflexibel und zu fett. Und ich selbst muss mich dieses Jahr mit den Weihnachtsplätzchen zurückhalten, sonst passe ich auch nicht mehr hinein….

Nächstes Mal ist Finale! Da nähen wir den Saum, und freuen uns, dass wir das schöne Kleid endlich ausführen können!

Wichtig: Termine und Schulternähte

Was haben die rückwärtigen Schulternähte an meinem Kleid und wichtige Termine gemeinsam?
Richtig: Sie müssen eingehalten werden!
Wie das bei der Schulternaht funktioniert, zeige ich euch heute. Zuerst habe ich die Kanten zweimal mit einem kontrastfarbigen Garn, großen Stichen und reduzierter Oberfadenspannung genäht. (Das gleiche mache ich auch bei den Armkugeln.) Nun werden die vorderen und hinteren Schulternähte an den Kanten zusammengesteckt, und die unteren Nahtfäden werden so lange angezogen, bis die Teile aufeinanderpassen.
Beim Nähen müssen wir nun zwischen den Heftreihen so steppen, dass der Stoff zusammengeschoben wird, aber keine Falten entstehen. Eine Arbeit, bei der Fingerspitzengefühl gefragt ist. Ist die Naht einwandfrei, werden die Heftfäden herausgezogen (Unterfaden zuerst), und die Naht wird vorsichtig gedämpft.

 

Jetzt kann der komplizierteste Teil des Kleides, das gefaltete Miederteil, in Angriff genommen werden.
An dieser Stelle muss ich ein Geständnis machen: Auf Anhieb habe ich das nicht hinbekommen. Zum Teil war ich der Verzweifung nah….
Jetzt ist es fast fertig, aber wie genau ich es letztlich geschafft habe, weiß ich auch nicht mehr so richtig. Erklären (zum Nachnähen für euch) kann ich es jedenfalls nicht.
Hier immerhin die Reihenfolge, in der ich vorgegangen bin:

  • Schulternähte schließen

  • Hintere Naht am angeschnittenen Kragenbesatz schließen

  • angeschnittenen Kragen an den Halsausschnitt des Rückenteils nähen

  • nun den (schon an der rückwärtigen Naht zusammengefügten) Beleg des Kragens rechts auf rechts an die Kanten des Vorderteils nähen

  • Ecken ein-/bzw. abschneiden und Beleg wenden

  • Beleg an den Kanten absteppen

Für den letzten Arbeitsgang verrate ich euch einen kleinen Trick: Wenn man Ecken knappkantig absteppt, passiert es leicht, dass die Nähmaschine genau an der Kante nicht richtig transportiert, und das sieht dann hinterher sehr unschön aus.
Der Kniff besteht darin, vorher ein oder zwei Fäden durch die Ecke zu ziehen. An der Ecke angekommen wenden wir den Stoff, während die Nadel im Stoff steckt. Nun den Fuß wieder senken und die zusätzlichen Fäden als Griff benutzen, und daran den Stoff vorsichtig hinten ziehen. Der Stoff transportiert auch an der Ecke ohne Probleme, und die Kante ist sauber abgesteppt.

Erst jetzt habe ich die Falten eingelegt und an das Miederteil genäht. Anschließend wurden die pfeilförmigen Teile mit einem Beleg, den ich mit etwas Einlage versehen habe, auf der Rückseite verstürzt.

Ganz zum Schluss habe ich alles bisher fertige auf meiner Schneiderpuppe zusammengesteckt. Denn Vorfreude ist auch eine Freude! Wie ihr seht, habe ich mich auch schon für einen Knopf entschieden. Das Knopfloch ist als Nächstes an der Reihe…..
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