Geminesse – neu entdeckt

Immer auf der Suche nach interessanten Retro-Düften habe ich wieder ein besonderes Schätzchen ausgegraben.
„Geminesse“ – 197
4 lanciert von Max Factor; jetzt hergestellt von der englischen Firma Prism Parfums. Das Unternehmen hat unlängst die die Rechte an einigen Duftklassikern erworben, die nun als EdP und EdT neu aufgelegt werden, zum Beispiel:

  • Geminesse (Max Factor)
  • Raffinée (Houbigant)
  • Lutèce (Houbigant)
  • Moon Drops (Revlon)

Vorab: Ich kenne Original-Version von Geminesse nicht, und selbst wenn ich einen Flakon davon hätte, wäre ja nicht unbedingt gesagt, dass der Inhalt nach über 40 Jahren noch so riecht wie nach der Abfüllung. Deshalb lest ihr hier meinen ganz subjektiven Eindruck von „Geminesse“ in der aktuell hergestellten Form.
Während der Flakon sehr clean, geradlinig und modern
wirkt, hat die Verpackung mit dem goldenen Schriftzug etwas sehr Nostalgisches, das mich aber gar nicht so sehr an die 70er Jahre sondern eher an die 40er oder 50er Jahre erinnert. Das Gleiche gilt auch für den Duft selbst, der etwas sehr Altmodisches hat. Also, wie riecht Geminesse?
Hier sind die Noten, die für das Max-Factor-Original angegeben wurden, für meine Nase sind sie in der heutigen Version ebenfalls vorhanden:

Kopfnoten: Thujon, Zitrusöle, Bergamotte, Gardenia, Koriander
Herznoten: Jasmin, Rose, Iris, Narzisse
Basisnoten: Patchouli, Vetiver, Eichenmoos, Amber, Castoreum, Vanille

Der erste Moment nach dem Aufsprühen: Brrr! Wie ein uraltes Flohmarkt-Parfum von 4711 im Schüttflakon (zum Beispiel Carat). Etwas stechend, zitrisch und irgendwie „alt“. Aber dieser säuerliche Eindruck ist glücklicherweise schnell vorbei. Dann folgt schon Thujon, das an bittere Kräuter wie Rainfarn, Rosmarin oder Beifuß erinnert. Nach diesem strengen Husenbonbon-Auftakt wird Geminesse schließlich weich, sehr holzig, ich rieche Iriswurzel etwas Gardenie und eine Prise Koriander. Nach etwa 20 Minuten hat sich der Duft auf einen Mix aus Eichenmoos, Kräuter, Holz- und Ledernoten eingependelt und bleibt in dieser Form bis zum Schluss bestehen. Einzelne Blumen kann ich nicht herausriechen, eher eine blumige Note, die Moos und Holz weicher erscheinen lässt.
Ein klein wenig erinnert mich Geminesse an einen Unisex-Duft, den es früher bei Rituals zu kaufen gab: Rituals No. 07 White Patchouli & Cedarwood. Während ich mir aber die Rituals-Dame als asketische Frau in Weiß vorstelle, die in einem sparsam gestalteten Zen-Garten meditiert, ist die Geminesse-Lady ist eher die geheimnisvolle Heldin aus einem Film Noir. So wie Simone Simon in dem Thriller „Cat People“ von 1942: Dunkel, geheimnisvoll und gefährlich, wenn sie ihre Krallen ausfährt.
Augenblicklich schlägt mein Herz für krautige „Oldies“ (wie zum Beispiel Masumi von Coty
, der inzwischen auch von Prism Parfums angeboten wird). Deshalb passt Geminesse gut in mein Beuteschema, und bin sicher, dass ich den Flakon dereinst aufbrauchen werde.
Die Haltbarkeit ist in Ordnung. Es könnte durchaus ein bisschen mehr sein, aber so besteht keine Gefahr, Mitmenschen mit einer Geminesse-Wolke zu erschlagen. Besonders gut macht sich der Duft auf meiner Lederjacke. Und ich wage die Behauptung, dass er im Regal auch bei den Herrendüften stehen könnte, ohne dort unangenehm aufzufallen.

So, jetzt zum Schluss noch einen kleinen Exkurs über die Geschichte des Dufts:
Mitte der 1960er Jahre hatte d
as Unternehmen Max Factor (wie andere Firmen auch) das Problem, dass die Produkte in den preisgünstigeren Märkten gut liefen. Die Gewinnspanne war jedoch in diesem Segment niedrig. Um höhere Gewinne zu erzielen wurde deshalb gezielt eine neue Linie mit Luxusprodukten herausgebracht, die deutlich teurer und nur in bestimmten Kaufhäusern erhältlich waren. Diese neue Produktlinie mit dem Namen „Geminesse“ umfasste Reinigungs- und Pflegecremes für das Gesicht, Masken sowie eine Augencreme.

Alle Produkte waren überaus edel in der Aufmachung, sie wurden in kunstvolle Behälter verpackt, die wie antike griechische Gefäße aussahen.
Auf den Schachteln prangten Bilder von Frauen in Posen und in Kostümen aus der griechischen Antike. Später kamen Make Up, Puder und andere Produkte hinzu, bis die Herstellung der Serie in den 1970er Jahren eingestellt wurde.
Auf Auktionen werden die „antiken“ Geminesse-Verpackungen heute versteigert und gehören zu den gefragtesten Sammelobjekten:
Für den Duft „Geminesse“
startete 1974 eine Werbekampagne, deren Gesicht Diane von Fürstenberg war. Die junge Modedesignerin war 1974 in der Branche ein Shooting-Star; 1973 hatte sie das innovative Wrap-Dress herausgebracht, das sich als so stilbildend erweisen sollte, dass heute ein Exemplar davon im Metropolitan Museum of Art in New York ausgestellt ist.

Vom Parfum Geminesse wurden zwei Sammler-Editionen (Geschenkpackungen) mit passendem Schmuck auf den Markt gebracht:
1974 mit einer vergoldeten Kette mit Muschelanhänger
1975 mit goldenen Ohrringen

1994 verkaufte Max Factor die Rechte an dem Duft Geminesse an Dana; 2014 erwarb Prism Parfums die Rechte.
Geminesse ist online bei verschiedenen Anbietern erhältlich, 100 ml EdP
kosten nur rund 14 Euro. Gelegenheit, den innovativen, altmodischen Duft von 1974 zumindest einmal zu probieren…


		
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