Duftklassiker aus 99 Jahren – „Cabochard“

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Heute möchte ich von einem Parfüm erzählen, das ich auf sehr ungewöhnliche Weise für mich entdeckt habe. Es kam nämlich in einem Roman vor, der mir im Urlaub in einer Ramschkiste in die Hände gefallen ist.
Bei dem Buch handelt es sich um einen Thriller aus dem Jahr 1974 mit dem Titel: „Der Fanclub“ von Irving Wallace. Soviel ich weiß, war er seinerzeit recht erfolgreich, und es gab auch Pläne zu einer Verfilmung, die aber nie umgesetzt wurden.
Die Geschichte handelt von einem weiblichen Filmstar Mitte 30 namens Sharon Fields. Ich stelle sie mir etwa so wie Farrah Fawcett vor, denn so ähnlich wird sie rein optisch beschrieben. Sharon Fields wurde von ihren Managern und Regisseuren als hemmungsloses Sex-Idol aufgebaut, aber sie hat inzwischen genug Selbstbewusstsein und Geld, um sich nun als ernsthafte Schauspielerin zu beweisen. Just in diesem Moment wird sie jedoch von einer Gruppe fanatischer Verehrer entführt, die die Lügen der Publicity allzu genau genommen haben. Die vier Männer glauben allen Ernstes, dass Sharon eine Art Nymphomanin ist und ihnen begeistert zu Willen sein wird, wenn sie erst einmal mit ihnen alleine in der Wildnis ist. Ohne Federlesen etnführen und betäuben die Kerle ihr Opfer und verschleppen es in eine abgelegene Blockhütte.
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Im Verlauf der Geschichte schafft es Sharon nun, die Männer, ohne dass sie es merken, gegeneinander auszuspielen und durch persönliche Dinge, die in der nahe gelegenen Stadt beschafft werden müssen, eine Art Signal oder Hilferuf auszusenden. So bittet sie den unbedarftesten der Kidnapper, ihr im Supermarkt spezielle Minzbonbons, eine exotische Zigarettensorte und ein ganz besonderes Parfüm mitzubringen: „Cabochard“ von Madame Grès. Der trottelige Entführer muss sich den Namen des Parfüms aufschreiben und natürlich der Verkäuferin im Supermarkt buchstabieren. Dort ist das Parfüm – wie nicht anders zu erwarten – nicht zu bekommen und muss extra bestellt werden.
Sharons Manager, der den Entführern seit einem Erpresserbrief dicht auf den Spuren ist, braucht im Supermarkt nur nachzufragen, ob den Verkäuferinnen in den letzten Tagen irgendetwas Besonderes aufgefallen ist. Ach ja: Da war doch dieser komische Typ, der das merkwürdige Parfüm bestellt hat, nach dem vorher noch nie jemand gefragt hat. Hieß es zufällig „Cabochard“? Bingo!
Um es abzukürzen: Sharon schafft es, ihre Freunde auf die Spur der Entführer und zu der Hütte zu führen, die Gangster werden alle bis auf einen getötet, und die Schauspielerin ist endlich wieder frei.
Nach Lektüre dieses spannenden, wenngleich inhaltlich eher fragwürdigen Machwerks war ich natürlich gespannt, ob es das beschriebene Parfüm tatsächlich gibt und wie es denn riechen mag. Ja, es gibt das Parfüm noch, und zwar unverändert seit 58 Jahren!

Doch bevor ich den Duft näher beschreibe noch ein paar kurze Worte zu Madame Grès:

Germaine Émilie Krebs (1903-1993) war eine französische Modedesignerin als Bildhauerin anfing. Ab 1933 arbeitete sie für die Modefirma „Alix Barton“ und machte sich einen eigenen Namen in der französischen Modewelt. Zwei Jahre später konnte sie ihr eigenes Modehaus in Paris, Rue de la Paix 1, eröffnen. Die von ihr entworfenen Kleider waren meist asymmetrische Roben, die im Stil der griechischen Antike gestaltet waren. Zu den illustren Kundinnen gehörten Marlene Dietrich, Greta Garbo, Grace Kelly, Jane Birkin, Édith Piaf und Wallis Simpson.
Nachdem sie von einer Indienreise zurückgekehrt war, beschloss Madame Grès 1959, ein eigenes Parfum auf den Markt zu bringen. Die „Nase“ Bernard Chant (von dem so bekannte Kracher wie „Aromatics Elixir“ von Clinique und „Cinnabar“ von Estēe Lauder stammen) komponierte für sie „Cabochard“, was so viel wie „Dickkopf“, „halsstarrig“ oder „Kobold“ bedeutet.
Inspiriert von der eigenwilligen Persönlichkeit von Madame Grès mixte er einen Chypre, der sich gewaschen hat: Die Kopfnoten sind Aldehyde, Gewürze, fruchtige Noten, Teufelsdreck (lat. Ferula assafoetida), Estragon, Zitrus und Salbei; die Herznoten sind Iriswurzel, Jasmin, Ylang-Ylang, Rose und Geranie; als Basisnoten dienen Leder, Sandelholz, Ambra, Moschus, Kokosnuss, Moos, Vetiver und Tabak.
Cabochard ist ein klassischer, sehr eichenmooslastiger Chypre. Der Auftakt ist sehr würzig, mit der Zeit kommen, neben dem bitteren Moos, auch noch intensive Leder- und Pfeifentabaknoten durch. Es könnte durchaus ein Herrenduft sein, wären da nicht die weichen und puderigen Akzente von Iris, Moschus und Sandelholz und die blümeligen Noten von Rose und Jasmin. Am interessantesten finde ich persönlich die unsüße Kokosnote in der Basis, die Cabochard einen ganz besonderen Kik verleiht.
Cabochard macht seinem Namen wirklich Ehre, er ist nichts für liebe kleine Mädchen, sondern für gestandene Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts, die ihren eigenen Kopf haben, auch wenn die Mode gerade in eine ganz andere Richtung geht.
Sein Charme hat etwas von alten Schwarzweißfilmen mit Ingrid Bergmann oder Greta Garbo, dazu passt auch der aktuelle schlichte Flakon mit dem schwarz-goldenen Deckel und der mattierten Schleife.
Ich trage „Cabochard“ gerne in Situationen, wo es auf Stärke und Selbstbewusstsein ankommt. Dann verleiht er Haltung wie ein paar exzellent verarbeitete Lederstiefel und verkündet unübersehbar: Mit mir muss man rechnen. Je suis Cabochard….


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Duftklassiker aus 99 Jahren – „Chantilly“

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Chantilly

Chantilly ist eine berühmte Stadt, nördlich von Paris, mit Schloss und Pferdezucht. Bekannt ist sie unter anderem für die „Chantillyspitze – eine feine, konturierte Klöppelspitze mit reicher floraler Musterung. Diese Spitze findet sich auch auf der Schachtel des Parfums „Chantilly“, den es wurde nach der feinen Klöppelware benannt.
Der Duft wurde 1940/1941 von der Traditionsfirma Houbigant herausgebracht, die beiden „Erfinder“ waren Marcel Billot und Paul Parquet

Schon zur Zeit seiner Einführung war Chantilly kein innovativer oder gar revolutionärer Duft, denn er erinnerte an zwei berühmte Klassiker aus den 1920er Jahren: „Emeraude“ von Coty (1921) und „Shalimar“ von Guerlain (1925).
Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gabe es Chantilly in den verschiedensten Flakons zu kaufen, und Houbigant bot auch passenden Puder und andere Produkte an.
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Im Jahr 2000 erwarb das (ursprünglich spanische, heute amerikanische) Unternehmen „Dana“ die Markenrechte an dem Duft und stellt ihn weiterhin her. Soviel ich weiß, wurde die Formel nicht wesentlich verändert. Auch ein Flakon – vermutlich aus den 1960er Jahren – und das Design der Verpackung wurde übernommen.

Folgende Duftnoten sind für die aktuelle Version von Chantilly angegeben:
Kopfnote: Bergamotte, fruchtige Noten, Neroli, Zitrone
Herznote: Gartennelke, Gewürze, Jasmin, Orangenblüte, Rose, Ylang-Ylang
Basisnote: Benzoe, Eichenmoos, Moschus, Sandelholz, Tonkabohne, Vanille

Nachdem mir „Tabu“ aus dem Hause Dana so gut gefallen hat, ging an Chantilly kein Weg vorbei. Zumal ich von der Ähnlichkeit mit Shalimar und Emeraude gelesen hatte.

Diese Ähnlichkeit besteht tatsächlich! Beim Aufsprühen und in der ersten Phase der Duftentwicklung verhält sich Chantilly aber ganz anders als die orientalischen Schwestern.
Der Duft startet sehr sauer-fruchtig, seifig und ein bisschen bitter. Irgendetwas erinnert mich an L’Air du Temps, ich vermute, es ist die Gartennelke.

Nach einer gewissen Zeit wird der Duft dann weicher, vanilliger und sehr pudrig. Und da ist sie dann auch deutlich zu bemerken, die „gewisse“ Ähnlichkeit mit Shalimar und Emeraude.
Wobei Chantilly Zutaten wie Weihrauch oder Patschuli vollkommen abhold ist.
Die Gewürzplätzchen- (Shalimar) oder Schokoladennote (Emeraude) fehlt, was dem Duft eine leichte, sehr frische und saubere Ausstrahlung verleiht. Sozusagen ein unorientalischer Orientale, oder ein Chypre Oriental.

Für mich ist Chantilly im wahrsten Sinne des Wortes Spitze. Ein echter, sehr femininer „Allrounder“, den man in jedem Alter, zu jeder Jahreszeit und bei allen Gelegenheiten tragen kann.
Probieren Sie ihn! Falls Ihnen der Duft wieder Erwarten nicht gefällt, machen sich der hübsche Flakon und die Schachtel immer noch gut als Dekoration auf dem Frisiertisch. Darunter das Klöppeldeckchen nicht vergessen……

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Duftklassiker aus 99 Jahren – „Tabu“

72327_237965aaee02fc76d48f7ded2db44e1b_tabu_eau_de_toiletteIm letzten Beitrag habe ich über das spanische Parfum „Maja“ berichtet. Dass auch Dana ursprünglich ein spanisches Unternehmen war, weiß heute kaum noch jemand.
Der Artdirector von Myrurgia, Javier Serra, wollte ein eigenes Parfumunternehmen besitzen und gründete 1932 in Barcelona das Unternehmen Dana. Der Name Dana begründet sich auf Javier Serras Interesse für Geschichte und Mythologie; Danae war Geliebte des Göttervarters Zeus und die Mutter des Helden Perseus.
Javier Serra war mit der „Nase“ Jean Carles befreundet; dieser kreierte für ihn die Dana-Parfums „Tabu“ (1932), „Canoë“ (1935) und „Emir“ (1936).
Weder der spanische Bürgerkrieg in noch der Zweite Weltkrieg konnten dem Unternehmen ernsthaft schaden. 1955 hatte Dana 29 Fabriken und beschäftigte 3.000 Mitarbeiter weltweit. „Canoë“ zählte um 1959 in Europa zu den beliebtesten Parfums.

Heute ist Dana ein amerikanisches Unternehmen und gehört zur Investment-Gruppe Dimeling, Schreiber and Park. Gegründet wurde es 1999 als Dana Classics Fragrances, nachdem man die Markenrechte vom Konkursunternehmen Renaissance Cosmetics erworben hatte.

Nach wie vor erfolgreich produziert und verkauft werden „Tabu“, „Canoë“ und „Ambush“. Wie auf der eigenen Webseite danaclassics.com zu lesen ist, wird auch „20 Carats“ demnächst, in zunächst limitierter Edition, wieder neu aufgelegt.

Das Parfüm mit dem Namen „Tabu“ wurde 1932 kreiiert, wie wir bereits gehört haben, von Jean Carles, der später mit Düften wie „Ma Griffe“ (Carven), „Shocking“ (Schiaparelli) und „Miss Dior“ weltberühmt werden sollte. Der Legende nach lautete der Auftrag von Javier Serra an Jean Carles, er solle ein unanständiges Parfüm kreiieren. Eines, von dem Mütter und Großmütter meinen würden, es sei für Prostiuierte gedacht. Für die älteren Herrschaften galten damals alle Düfte als verwerflich, die nicht nach Maiglöckchen, Flieder oder Rosen rochen.

Jean Carles verwendete für Tabu eine außergewöhnlich hohe Dosis von Patchouli, die er mit Nelken, Eichenmoos und Benzoin kombinierte. Dazu kamen Bergamotte, Neroli, Orange, Koriander, Narzissen, Klee, Rose, Ylang Ylang, Jasmin, Zeder, Sandelholz, Vetiver, Civet, Bernstein und Moschus.
Diese prächtige und opulente Mischung brachte Tabu den Ruf als „Dschingis Khan der Orientalen“ (Luca Turin) ein und war damals in der Tat höchst gewagt. Für die Print-Werbung verwendete Javier Serra ein Gemälde aus dem Jahr 1901 von René-Xavier Prinet mit dem Titel „Die Kreutzer-Sonate“. Inspiriert von Tolstois gleichnamiger Novelle zeigt das Bild einen Geiger, der sein Instrument beiseite legt und eine weibliche Zuhörerin leidenschaftlich umarmt. Die Werbekampagne mit dem Slogan „Tabu, der verbotene Duft“ war höchst eindrucksvoll und wurde im Laufe der Jahre auch gerne parodiert.
In amerikanischen Werbefilmen der 1960er und 70er-Jahre war es die sexy Frau, die ihren nackten Körper selbstbewusst mit ein paar strategisch platzerten Tropfen (direkt aus dem  Flakon) in Szene setzte. Dazu psychedelisch angehauchte Musik und eine Männerstimme aus dem Off:  „She is wild, she is wicked, she is tabu. She is classy, she is delightfull, and I am glad, she is Tabu..“

Heute, 85 Jahre nach seinem Erscheinen, bricht Tabu auf dem Parfümsektor keine Tabus mehr. Vergleicht man den Duft jedoch mit orientalischen Krachern aus den späten 1970er und 1980er Jahren wie „Opium“ oder „Obsession“, wird man feststellen, dass diese damals gar nicht so neu oder bahnbrechend waren. Fast alle Zutaten dieser beiden Berühmtheiten finden sich schon in „Tabu“, teilweise sogar noch ausdrucksstärker und intensiver!
Wenn Sie orientalische Düfte mögen, riskieren Sie ein paar Euro und besorgen Sie sich über das Internet ein Fläschchen Tabu. Es gibt verschiedene Flakons, mit und ohne Zerstäuber und sogar in Form einer Violine. Gefüllt sind sie zumeist mit der Eau de Cologne-Version des Dana-Klassikers, die jedoch mit so viel Wumms daherkommt wie ein konzentriertes Parfum. Vorsichtig dosieren, schnuppern, wundern….
85 Jahre???? Kaum zu glauben!
P.S.: Ein kurzer Nachtrag: Gestern ist mir im Dogeriemarkt der Herrenduft „Lagerfeld Classic“ (erschienen 1978) über den Weg gelaufen, und ich konnte der Versuchung nicht wiederstehen, ihn zur Probe aufs Handgelenk zu sprühen. Er hat sehr große Ähnlichkeit mit Tabu, und es würde mich sehr wundern, wenn das zufällig wäre…..

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