Duftklassiker aus 99 Jahren – „Kobako“

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Wenn sich hunderte von Fashion-Fans frierend bei Tagesanbruch vor der H&M-Filiale die Beine in den Bauch stehen, dann wissen wir, dass wieder mal eine bezahlbare, aber limitierte Designer-Kollektion angeboten wird. Ob KENZO oder VERSACE, es gehört schon fast zum guten Ton, Mode für das schwedische Textilhandelsunternehmen zu entwerfen.
Auf dem Parfümsektor gibt es hierzu durchaus Parallelen, nur sind diese weniger bekannt. So kreierte zum Beispiel die „Nase“ Aurélien Guichard nicht nur Edeldüfte wie „My Name“ von Trussardi oder „Gucci Guilty“, sondern auch preisgünstige Parfüms für das Drogerie-Segment wie etwa „Shine“ aus der Heidi Klum-Reihe.
Auch der legendäre Parfümeur Ernest Beaux, der für Coco Chanel Klassiker wie „Chanel No 5“, „Cuir de Russie“ oder „Gardénia“ kreierte, war nicht ausschließlich im Luxus-Sektor tätig. Für die Firma Bourjois schuf er 1928 und 1936 zwei Düfte, die bis heute erhältlich und sehr interessant sind.
Bourjois Paris ist hauptsächlich für Make-Up-Produkte bekannt. Das Unternehmen entstand 1863 auf den großen Boulevards des Theaterdistrikts. Alles begann damit, dass der Schauspieler Joseph-Albert Ponsin bei sich zu Hause Make-up und Parfüms für seine Kolleginnen und Kollegen herstellte. Eine wichtige Neuerung, war doch bis dahin die Bühnenschminke von höchst zweifelhafter Qualität und durch Beigabe von Quecksilber und Bleiweiß extrem gesundheitsschädlich. (In Deutschland war es übrigens ein früherer Opernsänger, Ludwig Leichner, der als Erster giftfreie Bühnenschminke in Berlin herstellte und verkaufte – doch dies nur nebenbei.) 1868 gab Ponsin sein gesamtes Geschäft an Alexandre-Napoléon Bourjois weiter. Unter seiner Leitung blühte das Unternehmen auf und wurde international bekannt.

Im Jahr 1936 kreierte Ernest Beaux für Bourjois den Duft „Kobako“. Der Begriff stammt aus dem Japanischen und bedeutet (Duft-)Kästchen. Auch der erste Flakon war asiatisch angehaucht. Er war im Stil einer geschnitzten Schnupftabakdose gestaltet und hatte ein kostbares Gehäuse aus rotem und schwarzem Bakelit.

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Als Duftnoten sollen im Ur-Kobako von 1936 enthalten gewesen sein:
Kopfnoten: Zitrusfrüchte, Aldehyde, Gewürznelken und Zimt
Herznoten: Jasmin, Rose, Magnolie, Klee, Galbanharz, Nelke, Lilie und Iriswurzel
Basisnoten: Tonkabohne, Zibetöl, Benzoeharz, Weihrauch Olibanum, Ambra, Eichenmoos, Moschus, Leder und Vanille
Wie Kobako 1936 tatsächlich geduftet hat, kann ich leider nicht beurteilen. Ich kenne nur die aktuelle Version, ein Eau de Toilette, das seit 1982 erhältlich ist. Mit der Reformulierung soll Bourjois damals François Demachy (Erfinder von „Poison“ und „Addict“ von Dior), betraut haben.
Für dieses Eau de Toilette sind immerhin noch folgende Duftnoten angegeben:
Kopfnote: Zitrone, Zimt, Aldehyde
Herznote: Rose, Klee Jasmin, Iris, Lilie, Magnolie, Gardenie
Basisnote: Zibet, Moschus und Ambra (=“Nachbauten“ dieser tierischen Substanzen)

Der aktuelle Flakon ist schlicht gehalten. Eine schmale gerade Flasche aus geriffeltem Glas mit einem rotbraunen Kunststoffdeckel, auf dem der Name steht. Bourjois verwendet diese Flakonform für alle Düfte, nur die Farben der Deckel und die Kartons sind jeweils unterschiedlich.
Der Kobako-Flakon mit der rötlichen Flüssigkeit darin, weckt im ersten Moment Assoziationen an Düfte wie „Opium“, „Cinnabar“ oder „Obsession“. Aber der Inhalt hat mit diesen orientalischen Wummsern wenig gemein.
Im Auftakt ist Kobako herb-zitrisch mit vielen grünen Noten. Wer auf zimtige Weihnachtsplätzchen gehofft hat, wartet vergeblich. Der Zimt spielt nicht die erste Geige sondern ist eingebettet in einen blütig-bitteren Akkord aus Klee und Magnolie.
Ich habe eine Weile gebraucht, um Kobako lieb zu gewinnen, aber die Mühe hat sich gelohnt. Es fällt mir schwer zu sagen, „wonach“ das Parfüm, das ich übrigens durchaus als unisex einstufen würde, denn nun eigentlich riecht. Ich kann nur feststellen, dass ich mich selbstbewusst, sauber und irgendwie wohlhabend fühle, wenn ich Kobako trage. Und das ich jedem, der über das Teenager-Alter hinaus ist nur raten kann: Ausprobieren! Gerne großzügig sprühen, es tut nicht weh, und es ist ist mit rund 13 Euro für 50 ml. so preisgünstig zu bekommen, dass nichts schief gehen kann.
Übrigens gibt es seit 1986 noch eine zusätzliche Version in Lila, die „Kobako Sensuelle“ heißt. Sie ist sehr süß und vanillig, mit einem kräftigen Spritzer Mandarine, nur im Untergrund wabert noch die alte Kobako-DNA. Wer die neueren Shalimar-Varianten mag, unter 25 Jahre alt ist, oder wem würzig-herbe Chypres zu altmodisch sind, könnte an „Kobako Sensuelle“ durchaus Freude haben. Ich werde wohl dem kantigen Original, der japanischen Duftkiste, treu bleiben.

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