„Etwas schwül, etwas zu aufdringlich – Mitsouko, Paris“

mitsoukoIn den 1950er Jahren war der Parfümmarkt insgesamt noch recht übersichtlich. Eine Handvoll Klassiker aus der Vorkriegszeit dominierte den Markt. Und die reichte auch völlig aus, denn Parfüm blieb auf „besondere“ Gelegenheiten beschränkt, legte eine Frau Wert darauf, als Dame zu gelten.
Für junge Mädchen und Frauen jenseits der Wechseljahre waren Parfüms generell nicht statthaft, ausgenommen 4711 Kölnischwasser oder Lavendelwasser. Und in den Jahren dazwischen verbot sich jede Übertreibung.
Wenn eine Frau es trotzdem darauf anlegte, mit Parfüm aufzufallen, war sie aus dem Rennen.

Ein „literarisches“ Beispiel hierfür ist die Figur der Sekretärin Inge Lennartz aus dem 1953 in der Zeitschrift HÖRZU abgedruckten Roman „Der Engel mit dem Flammenschwert“. Er wurde von dem HÖRZU-Gründer und Chefredakteur Eduard Rhein unter dem Pseudonym Klaus Hellmer verfasst, später als Buch millionenfach aufgelegt, 1954 verfilmt, und gehörte zu den erfolgreichsten Romanen der frühen 50er Jahre.
Eine Besonderheit ist, dass das Parfüm namentlich genannt wird: Mitsouko von Guerlain. Ein Duft, der schon seit 1919 auf dem Markt war und zu den bekanntesten Parfümen gehörte. In dem Ratgeber „Schön sein, schön bleiben“ von 1955 steht über  Mitsouko:
Schwer und exotisch, geheimnisvoll und gefühlsbetont. Für reife dunkle Frauen“.

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Doch lesen wir zunächst die Handlung des Romans „Der Engel mit dem Flammenschwert“ in Kurzfassung:

Jürgen Marein, ein fescher, blonder junger Versicherungskaufmann Ende 20, ist seit fünf Jahren mit der fünf Jahre jüngeren, ebenso feschen blonden Helga verheiratet, die beiden haben zwei Kinder. Plötzlich geht bei der Polizei eine anonyme Anzeige ein: Jürgen und Helga sind angeblich Geschwister; die Ehe gilt nun wegen „Blutschande“ als nichtig. Offenbar wurde Helga von Jürgens Eltern direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben, durch den Krieg gingen alle Unterlagen verloren und beide glaubten, Einzelkinder zu sein.

Um es vorweg zu nehmen: Am Ende erfahren wir, dass Jürgens Vater von einer Liebschaft ein Kuckuckskind untergejubelt wurde. Die beiden sind also in Wirklichkeit nicht miteinander verwandt. Happy End also.

Bis sich die Sache jedoch klärt, ist für das Ehepaar Marein Katastrophe angesagt. Wie Adam und Eva in der Bibel werden sie von einem Engel mit Flammenschwert aus dem Paradies ihres Lebens vertrieben.

In dieser prekären Situation tritt Inge Lennartz, die mondäne Sekretärin von Jürgens Chef (im Film dargestellt von Petra Peters) auf den Plan. Sie ist Anfang 30 und hat schon länger ein Auge auf den propperen Kollegen geworfen. Einmal ist es ihr um ein Haar gelungen, Jürgen zu verführen. Aber seine Treue zu Helga war nicht zu erschüttern.

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Dass Inge Lennartz nun die Chance wittert, Jürgen doch noch für sich zu gewinnen,macht die Geschichte spannend. Denn sie ist keine echte Dame. Sie benutzt Parfüm. Und das sogar am Arbeitsplatz:

Die Lennartz sitzt an ihrem Tischchen in dem kleinen Vorzimmer von Direktor Wolters und lächelt ihm entgegen; dabei bewegt sie auf mädchenhafte Art ihre langen Wimpern auf und nieder. (…) Jürgen wittert mit einem kleinen Unbehagen den Parfümduft, der von ihr ausgeht. Ein süßlich-bitterer Geruch, etwas schwül, etwas zu aufdringlich. Mitsouko – Paris! Jürgen hasst diesen Geruch seit jener einen Karnevalsnacht. Er möchte sie gerne vergessen, aber das Mitsouko der Lennatz erinnert ihn immer wieder daran.

Was ist eigentlich damals passiert auf der Betriebsfeier? An einer anderen Stelle des Buches erfahren wir mehr: Jürgen und Inge haben mitten im Rausch des Karnevals einen ausgelassenen Abend verlebt. „Du bist der netteste Mann der Welt, Jürgen“, hat Inge gesagt, und mit ihren unruhigen Händen in seinem Haar gewühlt. „Du bist die zweitnetteste Frau der Welt, Inge“, hat er lächelnd geantwortet, „und du hast ein Parfüm, das einen schwach machen kann.“

Nach der anonymen Anzeige (wir erfahren später, dass es ein neidischer Kollege war), muss Jürgen sich von seiner Familie trennen und zieht in eine schäbige Junggesellenwohnung. Er trinkt zu viel, ist verdächtig nah am Absturz, aber Sekretärin Inge erweist sich nun als Retterin in der Not. Sie nimmt den angeschlagenen Jürgen unter ihre Fittiche, und einmal gelingt es ihr sogar, eine gemeinsame Nacht mit ihm in einem Hotel zu verbringen.
Inge ist eine verständnisvolle Freundin, stellt Jürgen fest. Aber ob er sie so lieben kann wie er Helga liebt? Helga, die kein Parfüm benutzt, aber deren Haar „wie frisch gebackenes Brot“ duftet…..

Die Lennartz sieht blendend aus. Sie trägt ein Kleid aus goldgelber Shantungseide, die mit einem skurrilen schwarzen Blumenmuster bedruckt ist. Eine raffinierte Farbzusammenstellung. Dazu ihr kurzlockiges schwarzes Haar mit dem Tizianschimmer; ihr sanfter, dunkler Teint, ihre rot lackierten gepflegten Fingernägel. Und dann der Duft von Mitsouko.

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Spätestens an dieser Stelle dürfte allen HÖRZU-Lesern klar gewesen sein: Das ist keine passende Ehefrau für den anständigen Jürgen Marein. Viel zu grell, viel zu laut und viel zu auffällig.

Das scheint auch Jürgen zu spüren; nachdem er Weihnachten im Kreise von (Ex-)Frau und Kindern unter dem Tannenbaum zugebracht hat, beschließt er, zu Helga zurückzukehren und mit ihr als Bruder und Schwester zusammenzuleben. Inge bleibt alleine in ihrer Wohnung bei Rotwein, Weihnachtsgans und Radiomusik sitzen…

Inge Lennatz unternimmt nun einen letzten verzweifelten Versuch: Sie besucht Helga Marein und erklärt ihr, dass sie Jürgen liebt. Auch mit der Übernachung im Hotel hält sie nicht hinter dem Berg. Helga reagiert jedoch gelassen: Jürgen hat sich für seine Familie entschieden. Unverrichteter Dinge muss Inge Lennartz die Wohnung verlassen.

Nichts ahnend kommt Jürgen am Abend nach Hause. „Das Essen ist gleich so weit“, sagt Helga. Jürgen sieht sie prüfend an. Das klang so merkwürdig fremd. Er zieht witternd die Luft ein. Wie das hier riecht! Denkt er. Ein feiner, süßer Duft, den er kennt… er runzelt die Stirn. „Sag mal, hast du Besuch gehabt?“
Helga wird ein wenig rot, aber sie antwortet nicht.
„Die Lennarz war hier“, sagt er, „Stimmts?“ (…)

Und so verschwindet Inge aus Jürgens Leben und aus dem Roman. Sang- und klanglos.
Nur ein feiner bittersüßer Hauch von Mitsouko bleibt zurück….

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Mitsouko ist seit 1919 erhältlich. Die Nase hinter diesem Parfum ist Jacques Guerlain.
Die Kopfnoten sind Zitrusfrüchte, Jasmin, Bergamotte und Rose.
Die Herznoten sind Flieder, Pfirsich, Jasmin, Ylang-Ylang und Rose.
Die Basisnoten sind Gewürze, Ambra, Zimt, Vetiver und Eichenmoos.
Seine markante Pfirsichnote verdankt Mitsouko einem Aldehyd mit der Bezeichnung „Aldehyd C14“, das hier zum ersten Mal in einem Parfüm eingesetzt wurde.

Der Name ist aus dem Roman „La Bataille“ von Claude Farrère entliehen, dessen Heldin Mitsouko sich während des Russisch-Japanischen Krieges in einen britischen Militärattaché verliebt.
Es heißt, Mitsouko sei das Lieblingsparfüm von Charly Chaplin und von Serge Diaghilev gewesen.
Und natürlich von Inge Lennartz.

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