Duftklassiker aus 99 Jahren – „Femme“ (2)


„Diese Frau war nicht parfümiert, sie duftete nach Aprikosen“, meinte der Romanheld John in „The Scapegoat“ über seine Geliebte, die schöne Antiquitätenhändlerin Béla.
Möglicherweise irrte er sich, und der Aprikosenduft hatte durchaus mit Femme zu tun.
Denn darin kommt ein Duftbaustein vor, der an Pfirsiche und Pflaumen erinnert. Es handelt sich „Aldehyd C14“ (chemisch gesehen kein Aldehyd, sondern ein Laktat), das 1916 zum ersten Mal bei dem Duft Mitsouko von Guerlain eingesetzt wurde.
Abgesehen davon ist die Geschichte von Femme fast ebenso spannend wie der Roman.
Es war der erste Damenduft, der nach dem 2. Weltkrieg als Neuschöpfung auf den Markt kam, und zwar auf folgende Weise:
Der Modemacher Marcel Rochas und seine Frau Hélène hatten ihr Couture-Haus leidlich durch den Krieg manövriert und trafen im Spätsommer 1944 mit einem Winzer namens Albert Gosset zusammen, der ihnen ein Geschäft vorschlug. Gosset hatte von Edmond Roudnitska die Formel für ein Parfüm erworben. Ihm war jedoch klar, dass er den Namen eines bekannten Designers brauchte, um den Duft zu vermarkten. Er klopfte bei Piquet, Balenciaga und Rochas an, und letzerer griff beherzt zu, weil der Duft seine Gattin auf Anhieb begeisterte. Gosset und Rochas gründeten eine Gesellschaft, errichteten vor den Toren von Paris eine Fabrik mit Laboratiorium und begannen mit der Herstellung. Kein leichtes Unterfangen, denn es war 1944 eine Mammutaufgabe, die über 100 Ingredienzen für Femme zu beschaffen. Zunächst konnte nur eine limitierte Auflage hergestellt werden, die exorbitant teuer war. Der Flakon wurde von Lalique gestaltet, die Packung war mit schwarzer Spitze bedruckt. Die ersten Flakons waren zudem in echte schwarze Chantilly-Spitze gewickelt.
Schon im Dezember 1944 fanden rund tausend ausgewählte Damen aus betuchten Kreisen einen handgeschriebenen Brief in ihrem Kasten, mit dem Hinweis, sie könnten nun eine kleine Menge des limitierten Dufts ordern. Für die Adressatinnen war es im Grunde unwichtig, wie das Parfüm roch, Hauptsache, es war limitiert und teuer.
Schon bald nach Kriegsende drängten jedoch neue Parfüms auf den Markt, und auch die alten Klassiker waren nun wieder erhältlich. Rochas und Gosset mussten sich umstellen: Mit teuren Kleinauflagen war kein Gewinn zu erzielen, Femme musste breit vermarktet werden. Hélène Rochas hatte die passende Idee: In den Räumen des Modehauses Rochas organisierte sie eine Ausstellung mit dem Titel „Parfüm im Wandel der Mode von 1765 bis 1945“. Alle dort präsentierten Parfüms konnten von den Besuchern probiert werden, einschließlich Femme, das sich trotz des immer noch sehr hohen Preises zum Verkaufsschlager entwickelte.
Im Roman von 1957 kostet die „Riesenflasche“ 10.000 Francs. Eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass das 1961 das vom französischen Arbeitsministerium festgelegte Existenzminimum bei 1.400 Francs im Monat lag.
Die schöne Béla wusste das großzügige Geschenk ihres Liebhabers mit Sicherheit zu schätzen, und der Ärger von Ehefrau Francois galt nicht nur der Nebenbuhlerin, sondern auch der unanständig hohen Geldsumme, die John alias Jean für die Geliebte auszugeben bereit war.
Heute ist Femme als (überaus intensives und sehr haltbares) Eau de Toilette für einen Spottpreis zu bekommen. Der Duft wurde mehrfach neu formuliert, zuletzt 1989 von Oliver Cresp, hat aber noch immer seinen klassischen Chypre-Charakter bewahrt.
Eine perfekt ausbalancierte, zeitlos schöne Duftsinfonie aus Pflaume und Pfirsich, kombiniert mit Jasmin, Rose, Veilchen, Kümmel und Gewürznelke.

Deshalb hier gleich drei Tipps:
1) Den Roman „Der Sündenbock“ von Daphne du Maurier lesen
2) Femme ausprobieren
3) Die Verfilmung des Romans von 2012 mit Matthew Rhys in der Titelrolle ansehen

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