Duftklassiker aus 99 Jahren – „Tabu“

72327_237965aaee02fc76d48f7ded2db44e1b_tabu_eau_de_toiletteIm letzten Beitrag habe ich über das spanische Parfum „Maja“ berichtet. Dass auch Dana ursprünglich ein spanisches Unternehmen war, weiß heute kaum noch jemand.
Der Artdirector von Myrurgia, Javier Serra, wollte ein eigenes Parfumunternehmen besitzen und gründete 1932 in Barcelona das Unternehmen Dana. Der Name Dana begründet sich auf Javier Serras Interesse für Geschichte und Mythologie; Danae war Geliebte des Göttervarters Zeus und die Mutter des Helden Perseus.
Javier Serra war mit der „Nase“ Jean Carles befreundet; dieser kreierte für ihn die Dana-Parfums „Tabu“ (1932), „Canoë“ (1935) und „Emir“ (1936).
Weder der spanische Bürgerkrieg in noch der Zweite Weltkrieg konnten dem Unternehmen ernsthaft schaden. 1955 hatte Dana 29 Fabriken und beschäftigte 3.000 Mitarbeiter weltweit. „Canoë“ zählte um 1959 in Europa zu den beliebtesten Parfums.

Heute ist Dana ein amerikanisches Unternehmen und gehört zur Investment-Gruppe Dimeling, Schreiber and Park. Gegründet wurde es 1999 als Dana Classics Fragrances, nachdem man die Markenrechte vom Konkursunternehmen Renaissance Cosmetics erworben hatte.

Nach wie vor erfolgreich produziert und verkauft werden „Tabu“, „Canoë“ und „Ambush“. Wie auf der eigenen Webseite danaclassics.com zu lesen ist, wird auch „20 Carats“ demnächst, in zunächst limitierter Edition, wieder neu aufgelegt.

Das Parfüm mit dem Namen „Tabu“ wurde 1932 kreiiert, wie wir bereits gehört haben, von Jean Carles, der später mit Düften wie „Ma Griffe“ (Carven), „Shocking“ (Schiaparelli) und „Miss Dior“ weltberühmt werden sollte. Der Legende nach lautete der Auftrag von Javier Serra an Jean Carles, er solle ein unanständiges Parfüm kreiieren. Eines, von dem Mütter und Großmütter meinen würden, es sei für Prostiuierte gedacht. Für die älteren Herrschaften galten damals alle Düfte als verwerflich, die nicht nach Maiglöckchen, Flieder oder Rosen rochen.

Jean Carles verwendete für Tabu eine außergewöhnlich hohe Dosis von Patchouli, die er mit Nelken, Eichenmoos und Benzoin kombinierte. Dazu kamen Bergamotte, Neroli, Orange, Koriander, Narzissen, Klee, Rose, Ylang Ylang, Jasmin, Zeder, Sandelholz, Vetiver, Civet, Bernstein und Moschus.
Diese prächtige und opulente Mischung brachte Tabu den Ruf als „Dschingis Khan der Orientalen“ (Luca Turin) ein und war damals in der Tat höchst gewagt. Für die Print-Werbung verwendete Javier Serra ein Gemälde aus dem Jahr 1901 von René-Xavier Prinet mit dem Titel „Die Kreutzer-Sonate“. Inspiriert von Tolstois gleichnamiger Novelle zeigt das Bild einen Geiger, der sein Instrument beiseite legt und eine weibliche Zuhörerin leidenschaftlich umarmt. Die Werbekampagne mit dem Slogan „Tabu, der verbotene Duft“ war höchst eindrucksvoll und wurde im Laufe der Jahre auch gerne parodiert.
In amerikanischen Werbefilmen der 1960er und 70er-Jahre war es die sexy Frau, die ihren nackten Körper selbstbewusst mit ein paar strategisch platzerten Tropfen (direkt aus dem  Flakon) in Szene setzte. Dazu psychedelisch angehauchte Musik und eine Männerstimme aus dem Off:  „She is wild, she is wicked, she is tabu. She is classy, she is delightfull, and I am glad, she is Tabu..“

Heute, 85 Jahre nach seinem Erscheinen, bricht Tabu auf dem Parfümsektor keine Tabus mehr. Vergleicht man den Duft jedoch mit orientalischen Krachern aus den späten 1970er und 1980er Jahren wie „Opium“ oder „Obsession“, wird man feststellen, dass diese damals gar nicht so neu oder bahnbrechend waren. Fast alle Zutaten dieser beiden Berühmtheiten finden sich schon in „Tabu“, teilweise sogar noch ausdrucksstärker und intensiver!
Wenn Sie orientalische Düfte mögen, riskieren Sie ein paar Euro und besorgen Sie sich über das Internet ein Fläschchen Tabu. Es gibt verschiedene Flakons, mit und ohne Zerstäuber und sogar in Form einer Violine. Gefüllt sind sie zumeist mit der Eau de Cologne-Version des Dana-Klassikers, die jedoch mit so viel Wumms daherkommt wie ein konzentriertes Parfum. Vorsichtig dosieren, schnuppern, wundern….
85 Jahre???? Kaum zu glauben!
P.S.: Ein kurzer Nachtrag: Gestern ist mir im Dogeriemarkt der Herrenduft „Lagerfeld Classic“ (erschienen 1978) über den Weg gelaufen, und ich konnte der Versuchung nicht wiederstehen, ihn zur Probe aufs Handgelenk zu sprühen. Er hat sehr große Ähnlichkeit mit Tabu, und es würde mich sehr wundern, wenn das zufällig wäre…..

TABU

 

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Duftklassiker aus 99 Jahren – „Maja“

Kennen Sie ein klassisches Parfüm, das schon zu Zeiten Ihrer Großmutter beliebt war? „Na klar: Chanel No. 5“, werden Sie sagen, und für den Hausgebrauch „Tosca“.
Sie liegen natürlich richtig: Beide Düfte gibt es seit 1921. Sie gehören zu den ersten „Fantasieparfümen“, also Düften, die nicht nach bestimmten Blumen rochen, sondern mit Hilfe chemisch konstruierter Duftbausteine – so genannter Aldehyde – komponiert und produziert wurden. Was das Image betrifft, könnten die Unterschiede aber nicht größer sein: Chanel No. 5 ist nach wie vor ein teuer Luxusduft. Marylin Monroe hat ihn angeblich statt eines Nachthemds getragen. Tosca hält sich dagegen ausdauernd in der Bückzone des Drogerieregals, und der Duft erinnert die meisten eher an Oma, Mutter, Patentante oder an die Werbekampagne mit Uschi Glas. Über die Qualität der beiden Düfte möchte ich an dieser Stelle nicht steiten, nur soviel sei gesagt: Wer Tosca als billiges alte-Damen-Parfüm abqualifiziert, tut dem Parfüm selbst bitter unrecht. Und das wissen anscheinend auch sehr Viele, sonst würde Tosca nicht seit über 90 Jahren verkauft werden.
Die meisten Düfte aus dem Jahr 1921 kennt heute niemand mehr; auf der Seite „parfumo.de“ sind für dieses Erscheinungsjahr immerhin 83 Düfte dokumentiert; bis auf eine Handvoll sind sie heute vergessen und werden nicht mehr hergestellt.
Heute ist die „Auslese“ jedoch noch
viel drastischer: Jedes Jahr kommen rund 3.000 neue Düfte auf den Markt, davon erreichen höchstens 15 die Top 5, und die meisten sind nach spätestens 5 Jahren wieder von der Bildfläche verschwunden.Umso erstaunlicher ist es daher, dass manche Kompositionen die Jahrzehnte überdauert haben. Sei es als Luxusartikel eines edlen Modelabels oder als Bückware im untersten Regal der Drogerie.

In diesem Blog möchte ich ein paar „unterschätzte Klassiker“ aus den letzten 99 Jahren vorstellen. Sie sind nicht so bekannt und teuer wie manche anderen Düfte. Aber sie sind ebenfalls klassische Schönheiten und haben seit Jahrzehnten ihre treuen Liebhaberinnen und Liebhaber. Vielleicht gehören Sie auch irgendwann dazu?

 

Maja

Der älteste Duft, von dem hier die Rede sein soll, ist „Maja“ von Myrugia. Vielleicht ist er Ihnen schon als hübsch verpackte Seife im Dreierpack in der Drogerie über den Weg gelaufen? Ihr Duft ist so intensiv, dass es genügt, an der geschlossenen Verpackung zu schnuppern. Nicht zu Unrecht wird von der Seife Maja behauptet, sie wandele, in den Kleiderschrank gelegt, jedes Spannplattengehäuse in einen Edelholzschrank um. Das Parfüm „Maja“ ist hierzulande in Drogerien und Kaufhäusern eher selten anzutreffen, aber im Internet wird man schnell fündig.
„Maja“ (man spricht es „Macha“ aus) stammt aus dem Jahr 1918. Der Name und das Gesicht auf der Packung war inspiriert durch die Tänzerin Carmen Tórtola Valencia. Ihr Bildnis schmückte alle Flakons und Kartonagen aller Maja-Produkte. Bis heute ist ihre Silhouette mit einem Fächer auf der Verpackung von „Maja“ zu sehen. Die Marke „Maja“ wurde 2012 nach Mexiko verkauft, wo der Duft bis heute produziert wird.
Ramón Monegal war ein wohlhabender Chemieindustrieller aus Barcelona und Inhaber der Firma Monegal für Drogerieartikel. Er produzierte Waschmittel, Seifen und Parfums, aber auch so profane Artikel wie Farben und Lacke. Im Jahr 1916 gründete er das Unternehmen Myrurgia, das sich ausschließlich mit der Kreation und dem Vertrieb von schönen Düften beschäftigen sollte. Zu dieser Zeit steckte die Parfumbranche in Spanien noch in den Kinderschuhen. Als einzige ernstzunehmende Konkurrenz war die 1898 in Madrid gegründete Perfumeria Alvarez-Gómez auf dem Markt, eine Firma, die bis zum heutigen Tag besteht.
Da Eau de Colognes gerade groß in Mode waren, startete Myrurgia mit einem entsprechenden Duftwässerchen, es trug den nicht gerade einfallsreichen Namen „Colonia 1916“.

1917 übernahm Ramón Monegals Sohn, Esteve Monegal Prat, die Firma Myrurgia. Besagter Esteve Monegal war eine Künstlernatur. Als Bildhauer schuf er beeindruckende Skulpturen, darüber hinaus war er Lehrer und mit vielen zeitgenössischen Künstlern befreundet. Unter der Leitung des Zweiergepanns Rámon Monegal als Präsident und Esteve Monegal als „Gesicht des Unternehmens“ wuchs Myrurgia zu einem der größten Parfumhäuser Spaniens heran. Rámon Monegal leitete das Unternehmen bis in die späten 40er Jahre, bevor es endgültig an seinen Sohn Esteve überging. Nach „Colonia 1916“ folgten ab 1917 weitere erfolgreiche Düfte. 1918 schließlich kam der bekannteste und erfolgreichste Duft von Myrurgia auf den Markt – „Maja“. Aus markenrechtlichen Gründen – es gab damals in der Schweiz bereits einen Duft mit dem Namen „Maja“ – wurde „Maja“ außerhalb Spaniens über einen längeren Zeitraum unter dem Namen „Goyesca“ verkauft.

Im Laufe der Jahre hat Myrurgia viele Lizenzverträge geschlossen und Düfte in Lizenz produziert, z.B. für Julio Iglesias. 2001 verkaufte Ramón Monegals älterer Bruder – seines Zeichens Bankier – Myrurgia an Puig; 2008 schließlich wurde die Produktion der Myrurgia-Düfte eingestellt; und die Marke „Maja“ wurde 2012 nach Mexiko verkauft, wor der Duft bis heute produziert wird..

Langer Rede, kurzer Sinn: Ihr wollt bestimmt wissen, wie Maja riecht: Ich habe das Eau de Toilette erworben, 100 ml kosten ca. 20 Euro.
Maja ist im weitesten Sinne ein orientalisches Parfum. Die Duftnoten sind Muskat, Nelke, Patschuli, Gewürznelken, Vetiver, Rose, Geranie, Zitrusfrüchte und Lavendel.
Während bei der Seife die Gewürznote dominiert, hat das Eau de Parfum eine blumig-fruchtige Note, die über den gesamten Duftverlauf auf der Haut bleibt. Dabei mischen sich die Blumen- und Früchte so perfekt, dass keine einzelne heraus sticht. Auch die Gewürze erscheinen in dieser Art miteinander verwoben. Der Duft selbst ist gut haltbar, der Duftschweif bleibt aber moderat. Maja ist kein ein lauter, spektakulärer Duft. Und obwohl er oder sie als Damenparfum klassifiziert ist, würde ich persönlich keine Grenze zur Herrenabteilung ziehen. Schon gar nicht bei der Seife, die durchaus auch als männlich-herb durchgehen könnte.
Also: Beim nächsten Drogeriebesuch mal bei den Seifen vorbeischauen….

Aus Neu macht Alt oder: Zurück in die 60er Jahre!

Es gibt mehrere Möglichkeiten, an ein Kleid im Stil der 1960er Jahre zu kommen. Mit sehr viel Glück ergattern Sie ein Vintage-Modell, das gut erhalten ist und Ihnen passt. Oder Sie können selbst nähen. Dann besorgen Sie sich ein Schnittmusterheft aus den Sixties und legen los.

Ich war schon dabei, den zweiten Weg einzuschlagen, weil die Wahrscheinlickeit, ein 50 Jahre altes Modell zu finden, das mir passt, sehr gering ist. Bei der Suche nach einem Schnitt stieß ich auf den „Ratgeber für Haus und Familie“ vom Februar 1965.

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Das Heft enthält ein paar Modelle für
Kleider, die für die Damenmode der Zeit typisch sind. Ich sage bewusst: Damenmode. Denn die Jugendmode ging schon in eine andere Richtung, aber das ist eine andere Geschichte…

Modisches Vorbild für die erwachsene Frau – damals galt dies spätestens ab Mitte 20 war weltweit Jackie Kennedy. Ihre schlicht geschittenen Kleider mit klaren Linien verdankte die amerikanische First Lady dem Designer Oleg Cassini.
Oleg Cassini war 1913 als Sohn russischer Adliger in Paris geborenund später in Dänemark und Italien aufgewachsen. Als Zwanzigjähriger
nähte er die ersten Kleider im Modesalon seiner Mutter, Gräfin Marguerite Cassini. 1936 ging er nach Hollywood, wo er als Kostümbildner in den Filmstudios Furore machte. Sein berühmtestes Modell war die Schauspielerin Gene Tierney, mit der er von 1941 bis 1952 auch verheiratet war.
Cassinis Weltkarriere begann, nachdem ihn Jacqueline Kennedy zu ihrem offiziellen Designer erkoren hatte. Von 1961 bis 1963 entwarf rund 300 Kleider für sie, die in Pressefotos um die Welt gingen.

Typisch für die Kleider und Röcke der 60er Jahre ist die Trapez-Form oder A-Linie. Sie löste stark figurbetonte Sanduhr-Silhouette der 50er Jahre ab. Die Kleider umspielten nun locker die Körpermitte und waren nach unten ausgestellt. Gleichzeitig rutschten die Säume nach oben und betonten die Beine. Im Gegensatz dazu blieben Ausschnitte meist hochgeschlossen. Enge Kragen und U-Boot-Ausschnitte beherrschten die Szene. Oft gehörten zu ärmellosen Kleidern kurze Jäckchen aus dem gleichen Stoff, die mit riesigen Knöpfen akzentuiert wurden. Vom Minrock waren diese Kleider noch weit entfernt; und wer ladylike auftreten wollte, wählte die Knie umspielende Länge, Perlenkette, Handschuhe und Pillbox-Hut.

Zurück zu „Ratgeber für Haus und Familie“ vom Februar 1965, in dem der Look von Jackie für die Hausfrau zum Nachschneidern präsentiert wird. Ich entschied mich für Modell Nr. M/662 und war schon dabei, den Schnittbogen aufzufalten, als mir einfiel, dass ich bereits ein Kleid besaß, das vom Stil sehr ähnlich, aber länger war.


Ich hatte es im März 2012 nach
dem Schnitt in einem (damals aktuellen) Burda-Heft für eine Hochzeit genäht und nur zu dieser Feier angezogen. Seitdem fristete es ein dunkles Dasein im Kleiderschrank. A-Line, ausgestellter Rock, schlichter Schnitt – BINGO ! Auch das Material – ein fliederfarbener Wollflanell aus 100% Kaschmir – passte (Jackies Lieblingsfarbe war Rosa, aber Lila geht auch).
D
as Motto hieß also: „Aus Neu macht Alt“ !
Um
mein Kleid von 2012 ins Jahr 1962 zurückzubeamen habe ich folgende Änderungen vorgenommen:
Der Rocksaum wurde
um rund 30 cm von wadenlang auf knapp Knie bedeckend gekürzt.
Aus den abgeschnittenen Teilen habe ich
zwei ca. 6 cm breite Riegel mit abgerundeten Enden zugeschnitten, zusammengenäht und verstürzt.
Die Seitennähte des Kleides wurden in Höhe der Taille aufgetrennt und die Enden der Riegel so eingeschoben, dass die Riegel vorn knapp über die
vordere Teilungsnaht ragen. Dann habe ich die Nähte wieder geschlossen und die Riegel zwischengefasst.

 

Zum Schluss habe ich die vorderen abgerundeten Enden der Riegel mit dekorativen Knöpfen (Durchmesser 3 cm) auf der Nahtlinie befestigt.
Das Futter wurde entsprechend der neuen Rocklänge gekürzt. Als ob es es 2012 geahnt hätte: Der Futterstoff ist schwarz-lila-rot gemustert im typischen 60er Jahre-Design!
Voila! Jetzt muss ich nur noch die Perlenkette von Oma aus dem Schmuckkasten holen, und die 60er-Jahre-Party kann beginnen!
kaschmir-kleid-futter

 

Geminesse – neu entdeckt

Immer auf der Suche nach interessanten Retro-Düften habe ich wieder ein besonderes Schätzchen ausgegraben.
„Geminesse“ – 197
4 lanciert von Max Factor; jetzt hergestellt von der englischen Firma Prism Parfums. Das Unternehmen hat unlängst die die Rechte an einigen Duftklassikern erworben, die nun als EdP und EdT neu aufgelegt werden, zum Beispiel:

  • Geminesse (Max Factor)
  • Raffinée (Houbigant)
  • Lutèce (Houbigant)
  • Moon Drops (Revlon)

Vorab: Ich kenne Original-Version von Geminesse nicht, und selbst wenn ich einen Flakon davon hätte, wäre ja nicht unbedingt gesagt, dass der Inhalt nach über 40 Jahren noch so riecht wie nach der Abfüllung. Deshalb lest ihr hier meinen ganz subjektiven Eindruck von „Geminesse“ in der aktuell hergestellten Form.
Während der Flakon sehr clean, geradlinig und modern
wirkt, hat die Verpackung mit dem goldenen Schriftzug etwas sehr Nostalgisches, das mich aber gar nicht so sehr an die 70er Jahre sondern eher an die 40er oder 50er Jahre erinnert. Das Gleiche gilt auch für den Duft selbst, der etwas sehr Altmodisches hat. Also, wie riecht Geminesse?
Hier sind die Noten, die für das Max-Factor-Original angegeben wurden, für meine Nase sind sie in der heutigen Version ebenfalls vorhanden:

Kopfnoten: Thujon, Zitrusöle, Bergamotte, Gardenia, Koriander
Herznoten: Jasmin, Rose, Iris, Narzisse
Basisnoten: Patchouli, Vetiver, Eichenmoos, Amber, Castoreum, Vanille

Der erste Moment nach dem Aufsprühen: Brrr! Wie ein uraltes Flohmarkt-Parfum von 4711 im Schüttflakon (zum Beispiel Carat). Etwas stechend, zitrisch und irgendwie „alt“. Aber dieser säuerliche Eindruck ist glücklicherweise schnell vorbei. Dann folgt schon Thujon, das an bittere Kräuter wie Rainfarn, Rosmarin oder Beifuß erinnert. Nach diesem strengen Husenbonbon-Auftakt wird Geminesse schließlich weich, sehr holzig, ich rieche Iriswurzel etwas Gardenie und eine Prise Koriander. Nach etwa 20 Minuten hat sich der Duft auf einen Mix aus Eichenmoos, Kräuter, Holz- und Ledernoten eingependelt und bleibt in dieser Form bis zum Schluss bestehen. Einzelne Blumen kann ich nicht herausriechen, eher eine blumige Note, die Moos und Holz weicher erscheinen lässt.
Ein klein wenig erinnert mich Geminesse an einen Unisex-Duft, den es früher bei Rituals zu kaufen gab: Rituals No. 07 White Patchouli & Cedarwood. Während ich mir aber die Rituals-Dame als asketische Frau in Weiß vorstelle, die in einem sparsam gestalteten Zen-Garten meditiert, ist die Geminesse-Lady ist eher die geheimnisvolle Heldin aus einem Film Noir. So wie Simone Simon in dem Thriller „Cat People“ von 1942: Dunkel, geheimnisvoll und gefährlich, wenn sie ihre Krallen ausfährt.
Augenblicklich schlägt mein Herz für krautige „Oldies“ (wie zum Beispiel Masumi von Coty
, der inzwischen auch von Prism Parfums angeboten wird). Deshalb passt Geminesse gut in mein Beuteschema, und bin sicher, dass ich den Flakon dereinst aufbrauchen werde.
Die Haltbarkeit ist in Ordnung. Es könnte durchaus ein bisschen mehr sein, aber so besteht keine Gefahr, Mitmenschen mit einer Geminesse-Wolke zu erschlagen. Besonders gut macht sich der Duft auf meiner Lederjacke. Und ich wage die Behauptung, dass er im Regal auch bei den Herrendüften stehen könnte, ohne dort unangenehm aufzufallen.

So, jetzt zum Schluss noch einen kleinen Exkurs über die Geschichte des Dufts:
Mitte der 1960er Jahre hatte d
as Unternehmen Max Factor (wie andere Firmen auch) das Problem, dass die Produkte in den preisgünstigeren Märkten gut liefen. Die Gewinnspanne war jedoch in diesem Segment niedrig. Um höhere Gewinne zu erzielen wurde deshalb gezielt eine neue Linie mit Luxusprodukten herausgebracht, die deutlich teurer und nur in bestimmten Kaufhäusern erhältlich waren. Diese neue Produktlinie mit dem Namen „Geminesse“ umfasste Reinigungs- und Pflegecremes für das Gesicht, Masken sowie eine Augencreme.

Alle Produkte waren überaus edel in der Aufmachung, sie wurden in kunstvolle Behälter verpackt, die wie antike griechische Gefäße aussahen.
Auf den Schachteln prangten Bilder von Frauen in Posen und in Kostümen aus der griechischen Antike. Später kamen Make Up, Puder und andere Produkte hinzu, bis die Herstellung der Serie in den 1970er Jahren eingestellt wurde.
Auf Auktionen werden die „antiken“ Geminesse-Verpackungen heute versteigert und gehören zu den gefragtesten Sammelobjekten:
Für den Duft „Geminesse“
startete 1974 eine Werbekampagne, deren Gesicht Diane von Fürstenberg war. Die junge Modedesignerin war 1974 in der Branche ein Shooting-Star; 1973 hatte sie das innovative Wrap-Dress herausgebracht, das sich als so stilbildend erweisen sollte, dass heute ein Exemplar davon im Metropolitan Museum of Art in New York ausgestellt ist.

Vom Parfum Geminesse wurden zwei Sammler-Editionen (Geschenkpackungen) mit passendem Schmuck auf den Markt gebracht:
1974 mit einer vergoldeten Kette mit Muschelanhänger
1975 mit goldenen Ohrringen

1994 verkaufte Max Factor die Rechte an dem Duft Geminesse an Dana; 2014 erwarb Prism Parfums die Rechte.
Geminesse ist online bei verschiedenen Anbietern erhältlich, 100 ml EdP
kosten nur rund 14 Euro. Gelegenheit, den innovativen, altmodischen Duft von 1974 zumindest einmal zu probieren…


			

Liebe macht Blindsäume

Die Knöpfe habe ich all drei von Hand angenäht, aber beim Saum muss ich gestehen: Ich bin faul !!!! Den nähe ich heute mit der Maschine.

Damit das Kleid am Saum schön gerade ist, habe ich vorher mit dem Rockabrunder gearbeitet. Leider konnte ich das nicht fotografieren, weil ich selbst dabei Schneiderpuppe spielen musste…. Aber hier seht ihr meinen wunderschönen, altmodischen Rockabrunder aus den frühen 60er Jahren:

Das Prinzip ist ganz einfach; Mit dem Blasebällchen wird Kreide in einer bestimmten Höhe ab Fußboden auf das Kleid gepustet. Dazu am besten die Schuhe anziehen, die später auch zum Kleid getragen werden sollen. Mit dem Rockabrunder einmal rundherum pusten, fertig ist die gerade Linie. Bei einem schmalen Rock ist das nicht so schwierig, aber sobald es glockig wird, neigen Säume zum Zipfeln. Es nützt dann gar nichts, die Länge ab der Taille zu messen, der Rock sitzt trotzdem schief. Hier ist der Rockabrunder Gold wert. Am besten eine Freundin bitten, ihn zu bedienen und selbst Modell stehen!

Nachdem der Rock nun gerade geschnitten, versäubert und 4 cm breit umgeheftet ist, nähe ich einen Blindsaum. Das klappt nicht mit allen Stoffen, aber wenn sie gemustert oder ein bisschen flauschig sind, sieht man auf der Vorderseite fast nichts von der Naht.

Hierzu wird der umgebogene Saum unter der Maschine so gefaltet, dass rechts etwa 5 mm Kante überstehen. Der Blindsaumstich funktioniert so, dass die Maschine immer ein paar Stiche geradeaus rechts neben der Fußmitte macht, dann folgt ein einzelner Stich nach links, und es geht wieder rechts weiter. Beim Nähen müsst ihr darauf achten, dass die gefaltete Kante immer haargenau unter der mittleren Kerbe des Nähfußes durchläuft. Wenn ihr dann geradeaus näht, näht die Nadel rechts von der Kante und sticht ca. alle 2 cm kurz links in den gefalteten Stoff. Auf diese Weise werden vom Oberstoff immer nur ein paar Fäden erwischt. Klappt man nun den fertigen Saum um, sind von rechts nur ein paar feine Punkte zu sehen, die beim Dämpfen fast völlig verschwinden. Außerdem bleibt der Saum elastisch. Toll, stimmts?

 

 

So, nun bügeln wir unser Werk ein letztes Mal, zupfen alle Heftfäden ab, schneiden überflüssige Fäden ab, ziehen es an und veranstalten unsere eigene Modenschau!
Wie durch ein Wunder – Die Dame auf dem Titelblatt von 1956 ist zum Leben erwacht !!!!!!

 

Drei Knopflöcher für Aschenbrödel

singer-werbungHeute sind drei Knopflöcher an der Reihe, zwei „richtige“ und ein falsches. Die „richtigen“ kommen an die Ärmelbündchen, das „falsche“ mitten auf das Miederteil. Da nämlich der Knopf dort rein dekorative Funktion hat, ist es nur ein Zierknopfloch, auf das ich den Knopf aufnähe. Auf diese Weise werden die Miederteile auch gut zusammengehalten. Für alle drei Knopflöcher verwende ich einen speziellen Nähfuß. Der Knopflochfuß gehört zu den Anschaffungen, die man sich gönnen sollte! Eine Menge Spezialfüße sind nicht nötig, so kann man zum Beispiel nahtverdeckte Reißverschlüsse wunderbar ohne Spezialfuß einnähen. Aber der Knopflochfuß ist klasse, denn er hat zwei große Vorteile:

1) Am Schieber lässt sich der Knopf einlegen, und die Knopflochgröße wird präzise ermittelt

2) Beim rückwärts Nähen transportiert der Stoff besser als mit einem Standart-Fuß, sodass die Riegel wirklich parallel zueinander bleiben.

Meine Maschine hat eine Knopflochfunktion, bei der das Knopfloch in vier Etappen genäht wird: linke Raupe (geradeaus), Riegel, rechte Raupe (rückwärts), Riegel.
Das fertige Knopfloch wird mit dem Nahttrenner vorsichtig aufgeschnitten.

Für das große Deko-Knopfloch von 5,5 cm Länge ist der Fuß zu kurz, das heißt, ich muss zwischendurch anhalten und den Schieber noch einmal öffnen.

Als Krönung des Tages nähen wir noch die Ärmel ein. Erinnert ihr auch an das Kreide-Kreuz? Wenn der Ärmel eingeheftet ist, kann man damit kontrollieren, ob er richtig eingesetzt ist. Die Linien sollten beim locker herabhängenden Arm genau waagerecht und senkrecht sein. Wenn das hinkommt, steht dem Einnähen und Bügeln nicht mehr im Wege.

Übrigens: Nachdem ich die Seitennähte des Kleides geschlossen und rechts einen Reißverschluss eingenäht habe, kann ich das Kleid nicht mehr auf meine Schneiderpuppe ziehen. Die Dame ist einfach zu unflexibel und zu fett. Und ich selbst muss mich dieses Jahr mit den Weihnachtsplätzchen zurückhalten, sonst passe ich auch nicht mehr hinein….

Nächstes Mal ist Finale! Da nähen wir den Saum, und freuen uns, dass wir das schöne Kleid endlich ausführen können!

Wichtig: Termine und Schulternähte

Was haben die rückwärtigen Schulternähte an meinem Kleid und wichtige Termine gemeinsam?
Richtig: Sie müssen eingehalten werden!
Wie das bei der Schulternaht funktioniert, zeige ich euch heute. Zuerst habe ich die Kanten zweimal mit einem kontrastfarbigen Garn, großen Stichen und reduzierter Oberfadenspannung genäht. (Das gleiche mache ich auch bei den Armkugeln.) Nun werden die vorderen und hinteren Schulternähte an den Kanten zusammengesteckt, und die unteren Nahtfäden werden so lange angezogen, bis die Teile aufeinanderpassen.
Beim Nähen müssen wir nun zwischen den Heftreihen so steppen, dass der Stoff zusammengeschoben wird, aber keine Falten entstehen. Eine Arbeit, bei der Fingerspitzengefühl gefragt ist. Ist die Naht einwandfrei, werden die Heftfäden herausgezogen (Unterfaden zuerst), und die Naht wird vorsichtig gedämpft.

 

Jetzt kann der komplizierteste Teil des Kleides, das gefaltete Miederteil, in Angriff genommen werden.
An dieser Stelle muss ich ein Geständnis machen: Auf Anhieb habe ich das nicht hinbekommen. Zum Teil war ich der Verzweifung nah….
Jetzt ist es fast fertig, aber wie genau ich es letztlich geschafft habe, weiß ich auch nicht mehr so richtig. Erklären (zum Nachnähen für euch) kann ich es jedenfalls nicht.
Hier immerhin die Reihenfolge, in der ich vorgegangen bin:

  • Schulternähte schließen

  • Hintere Naht am angeschnittenen Kragenbesatz schließen

  • angeschnittenen Kragen an den Halsausschnitt des Rückenteils nähen

  • nun den (schon an der rückwärtigen Naht zusammengefügten) Beleg des Kragens rechts auf rechts an die Kanten des Vorderteils nähen

  • Ecken ein-/bzw. abschneiden und Beleg wenden

  • Beleg an den Kanten absteppen

Für den letzten Arbeitsgang verrate ich euch einen kleinen Trick: Wenn man Ecken knappkantig absteppt, passiert es leicht, dass die Nähmaschine genau an der Kante nicht richtig transportiert, und das sieht dann hinterher sehr unschön aus.
Der Kniff besteht darin, vorher ein oder zwei Fäden durch die Ecke zu ziehen. An der Ecke angekommen wenden wir den Stoff, während die Nadel im Stoff steckt. Nun den Fuß wieder senken und die zusätzlichen Fäden als Griff benutzen, und daran den Stoff vorsichtig hinten ziehen. Der Stoff transportiert auch an der Ecke ohne Probleme, und die Kante ist sauber abgesteppt.

Erst jetzt habe ich die Falten eingelegt und an das Miederteil genäht. Anschließend wurden die pfeilförmigen Teile mit einem Beleg, den ich mit etwas Einlage versehen habe, auf der Rückseite verstürzt.

Ganz zum Schluss habe ich alles bisher fertige auf meiner Schneiderpuppe zusammengesteckt. Denn Vorfreude ist auch eine Freude! Wie ihr seht, habe ich mich auch schon für einen Knopf entschieden. Das Knopfloch ist als Nächstes an der Reihe…..
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